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Pariser Rechenschaft / von Thomas Mann
Entstehung
Seite
18
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LIESCHTANGBERSCHEH

ehrgeizigen und gefälligen Aufwärter, der von vornhereinerklärte, daß hier alles sei, wie es sein müsse, sich auchin der Folge nicht Lügen strafen ließ und sehr angenehmmit einer Dame zu scherzen verstand. Ich war rechtglücklich über den weißen Bordeaux , den wir bekamen,diesen charaktervollen und halbsüßen Graves Superieur,dem ich in den folgenden Tagen noch oft und beifälligzugesprochen. Wir ließen es uns nicht nehmen, auchden Heimweg zu Fuß zu machen.

Um vier Uhr wurde es Ernst. Henri Lichtenberger (diese elsässischen Namen werden französisch ge-sprochen; das Konversationslexikon würde die WeisungLieschtangberscheh erteilen), der Germanist der Sor-bonne, erwartete uns am Fuß der Hoteltreppe, um unszum Vortrage abzuholen. Professor Lichtenberger istein hochgewachsener Mann mit schmalem Anatole-France-Schädel, einem weißen Knebelbart und denliebenswürdigsten Formen. Seine Gewandtheit im Deut­ schen vermochte mich sehr bald, mein Negerfranzösischeinzustellen. Er hat eine reizende Art, zu sagen:Ja,ich bitte nur oder:Durchaus nichtAber einwahres Vergnügen ist es, ihn im Salon Französischplaudern zu hören, causer, man denkt daran, daßunserkosen kein anderes Wort ist als dieses, und aucheinmalreden,verhandeln bedeutet hat; sein heu-tiger Sinn ist zärtlich einschlägig in jenemcauser,es ist ein Kosen der Sprache, gedämpft, delikat undgenußreich; ich hatte ein ähnliches Gefühl, als ichGilbert Murray in Oxford sein Englisch heiter zele-brieren hörte; den ganzen aristokratischen Reiz derhumanistischen Zivilisation des Westens kostet manbeim Lauschen, spürt auch genau, was diese Alte Welt