ER WUSSTE VIEL UND ICH WENIG 69
genommen. Woraus erhellt, was es bedeutet „norma-lien“ zu sein und gewesen zu sein. Wer es nicht war,behauptet, es mache starr und dumm fürs Leben, zeitigeeine gewisse seelische Erstorbenheit und Friedhofsruhe,wie die jesuitische Abrichtung. Aber ich kenne Jesuiten sehr munteren Geistes und vertraue fest, daß die artigeHeiterkeit des kleinen Pierre der Askese standhaltenund daß er seine Begabung für so zierliche Nebendingedes Lebens, wie das Nachahmen von Vogelstimmen, desKuckucks, der Meise, nie völlig verleugnen wird.
Nach Tische kamen noch Kaffeegäste: ein schwerer,bärtiger, kluger Mann und sein Sohn, ein ebenso respek-tabler und strebsamer junger Franzose wie! Pierre, mitdem er sich bald zurückzog. Der Bärtige, Kluge nahmmich in Unterhaltung: zurückgelehnt, mit ausholenderGeste und ernst rollenden Augen, sprach er mit Geistund Gelehrsamkeit von Reisen, die er als Beamter desAuswärtigen Amtes unternommen und als Schriftstellerseelisch zu nutzen gewußt hatte. Wir waren bald beiÄgypten , der 18. Dynastie, den Amenhoteps, der Kunstvon Amarna . Er wußte viel und ich wenig, aber welcheine schmeichelhafte Sache ist jedes positive, jedes Spe-zialwissen für den wesentlich Unwissenden, welchekindische Genugtuung gewährt es ihm! Bis Tell-el- Amarna reicht es bei den meisten, aber wer weiß, daßdie neue Residenz des Echnaton, südlich von Kairo ,eigentlich Chuit-Aton oder auch Achet-Aton geheißenhat ? Fast niemand, ich fast allein. Es liegt nichts daran,aber ich bin eitel darauf wie ein Geck. Weiß der un-gelehrte Durchschnitt auch nur, was der fast zum Eigen-namen gewordene Königstitel „Pharao “ bedeutet? Erbedeutet Per’o, großes Haus, ist eine Bezeichnung für