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STUMME SKLAVEREI
die Majestät, wie etwa „Die hohe Pforte“ für die tür-kische Regierung. Wie hieß der biblische Potiphar„in Wirklichkeit“ ? Petepre, oder doch ganz ähnlich,das ist: Der dem Re Geweihte. Aber wie hieß seineFr au, die um ein Haar — die jüdischen Sagen versichern,daß es wirklich um ein Haar geschehen wäre undeigentlich nur durch ein Wunder verhindert worden ist— den Joseph verführt hätte? Niemand weiß es. Esist nirgends zu lesen. Man nennt sie manchmal humo-ristisch „Frau Potiphar“, und manche sind dermaßendumm, zu glauben, sie selbst habe Potiphar geheißen.Hieß sie möglicherweise Mut-em-enet, mit „schönemNamen“ Eni? Das Herz möchte einem stocken, wennman es erwägt. — Etwas aus meiner Jugend verzeihe ichmir nie. Es muß in Sexta oder Quinta gewesen sein, inder Religionsstunde, daß der Seminarist, gewiß beiGelegenheit des Goldenen Kalbes, die Frage aufwarf,wie der heilige Stier der Ägypter geheißen habe. Ich, derich „Das Land der Pyramiden“ gelesen hatte, meldetemich dringlich und wurde gerufen. „Hapi“, sagte ich,berauscht von Wissenschaft. — „Falsch, setzen, bessernichts wissen, als Verkehrtes. Apis hieß er.“ — Und ichließ mich niederschlagen! Ich fand nicht den Mut, meinbesseres Wissen zu verteidigen und zu erklären, daß„Apis “ ja völlig unägyptisch laute, daß es natürlich einegriechisch-römische Stilisierung des Namens sei und daßdas Tier — viel eher jedenfalls, denn die Vokale sind janiemals ganz sicher — Hapi geheißen habe. Daß so diefrohe Wahrheit von Autorität erstickt werden konnte,ist kennzeichnend für die stumme Sklaverei, in dieunser Geschlecht gebannt war. Ein heutiger Junge würdedem Lehrer Bescheid zu geben wissen.