88
REINE DÄMONIE
über den er verschiedentlich gearbeitet hat. Gegen-wärtig liefert er der „Revue bleue“ Theaterberichte.Es heißt, daß er ein vortrefflicher Redner ist und oftan französischen und selbst ausländischen HochschulenVorträge literarischen oder philosophischen Charaktershält. Er und Luchaire duzen einander, denn sie sindSchulkameraden, ehemalige normaliens alle beide,demnach ehemalige Musterschüler. Sonderbar! Esscheint, daß in Frankreich die Musterschüler Schrift-steller werden, diese aus jenen sich rekrutieren, — zumUnterschiede von Deutschland , wo der angehendeSchriftsteller schon auf der Schule seine soziale Un-möglichkeit zu erhärten pflegt. Es ist eben doch etwasanderes mit dem Schriftstellertum in Frankreich alsbei uns. Dort ist es weit mehr etwas gesellschaftlichVertrautes und Anerkanntes, eine Laufbahn viel eher,die sogar weit führen kann in Staat und Sozietät, —während es bei uns reine Dämonie ist, außerstaatlichund außergesellschaftlich von Grund aus und mit derVorstellung früher Musterhaftigkeit und Harmonie soschwer vereinbar wie mit derjenigen späterer akademi-scher Repräsentation. Die deutsche Republik zeigtmelioristischen Ehrgeiz in dieser Richtung und wirdvielleicht äußere Änderungen herbeiführen. Aber demAkademikertum des deutschen Schriftstellers wird im-mer ein gut Teil Ironie beigemischt sein.
Wie sympathisch war übrigens auch der kleineSuares, mit seinem schmalen, spanischen Gesicht, einfeuriger, naiver, ergebener Junge, bedrängt von Jugendund Leidenschaft. Korrekterweise glaubte er mich auf-merksam machen zu müssen, daß er nicht Andre Suares sei, mit diesem nicht zu verwechseln. Das machte