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GENAU WIE BEI UNS!“
„Buddenbrooks“ hätten ihm viel Vertrautes entgegen-gebracht. Sonderbar! Es war nicht das erstemal, daßmir das im Auslande gesagt wurde. Wirklich ist, wasman für das Deutscheste halten möchte, zuweilen dasInternationalste. In der Schweiz , in Holland , in Däne mark habe ich junge Leute und Familiensöhne ausrufenhören: „Dieser Prozeß der Entbürgerlichung durchDifferenzierung, durch ein Überhandnehmen der Sensi-bilität — genau wie bei uns!“
Sehr merkwürdig und reich ist der französische Be-griff der „sensibilite“, — zugleich wörtlicher und all-gemeiner zu verstehen als unser Fremdwort. DasStammelement des „Sinnlichen“ spielt eine größereRolle darin, und zwar einer zum Rausch und zum Unter-gänge geneigten Sinnlichkeit, des Romantisch-Diony-sischen also: der Begriff umfaßt den Komplex vonSchönheit, Lust und Tod als Gegensatz zu dem vonZucht, Ordnung, Klarheit, Vernunft, Moral, und so ge-brauchte ihn Jaloux, als er den tragischen Sieg der sensi-bilite im „Tod in Venedig“ zu lieben erklärte. Dendeutschen Gegensatz des Romantischen und Klassi-schen besitzen die Franzosen vollkommen unter demNamen des Widerstreites von sensibilite und raison,und wir kamen überein, daß das Problem des deutsch-französischen Verhältnisses, der Verständigung und desAusgleichs zwischen den beiden Völkern zu diesemfeindlichen Begriffspaar in engster Beziehung stehe.Man ist ziemlich weitgehend gewöhnt — und zwar aufbeiden Seiten—.Frankreich als den Vertreter des klassi-schen und Deutschland als den des romantischen Prin-zips in Europa aufzufassen. Es ist aber festzustellen, daßdiese Anschauung der geistigen Begegnung der Natio-