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Pariser Rechenschaft / von Thomas Mann
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SO UNSERE ÜBEREINKUNFT

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nen nicht nur nicht förderlich ist, sondern daß sie auchtatsächlich stark zu veralten begonnen hat. Einer ge-wissen Germanisierung des französischen Geistes ent-spricht eine ebenso wahrnehmbar fortschreitende, wennauch ebenso bedingte Verwestlichung des deutschen Sinnes, und eine bewußte Selbstkorrektur auf beidenSeiten, eine Art von wissentlichem Rollentausch möchteein übriges tun, so daß Deutschland von der Seite derklassischen raison, Frankreich von der romantischensensibilite her einander finden könnten.

So unsere Übereinkunft. Auch von Romain Rolland war die Rede, und ich hatte wieder festzustellen, daß dieBewunderung, die man ihm in Frankreich zollt, derunsrigen nicht gleichkommt. Da man ihn als artiste-crdateur, als Gestalter, als Plastiker, nicht für voll nimmt,glaubte ich desto eher auf volle Zustimmung rechnenzu können, wenn ich ihn als analytischen Schriftsteller,als Kritiker, herausstrich und etwa die Seiten imJeanChristophe pries, die dem künstlerisch-literarisch-politischen Leben des Vor-Kriegs-Paris gewidmet sind.Aber Jaloux fand sie nurtr£s exager^s. Ferner vonJohn Galsworthy , über dessen vollendete persönlicheLiebenswürdigkeit wir einig waren. Ich erzählte lachend,daß die Londoner Presse mich seinerzeit alsThe ger-man Galsworthy eingeführt habe, aber Jaloux war nichteinverstanden. Galsworthy sei nichtkünstlerisch ge-nug, als daß der Vergleich passen könnte. Wäre esdenkbar, daß dieser Franzmann, wenn gerade der Eng-länder sein Nachbar gewesen wäre, umgekehrt geurteilthätte ? Auf jeden Fall ist es merkwürdig, wie fest inFranzosenköpfen der Begriff desKünstlerischen, desArtistischen, noch heute sitzt, viel fester als in den

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