Gross: Zweite Fahrt des „Humboldt“ am 14. März 1893. 111
au Schmerzen im Kreuz zu leiden, auch trage ich heute noch ein An-denken an jene entsetzliche Landung in Gestalt eines gebrochenen Brust-beines.
Diese zweite Fahrt des „Humboldt“ bietet ausser ihren reichenmeteorologischen Ergebnissen, welche besonders behandelt werden sollen,ungemein viel Lehrreiches auf aeronautischem Gebiete; sie gab Veranlassungzu wesentlichen Verbesserungen des Ballonmaterials und mahnte mich zugrösserer Vorsicht bei der Führung eines so mächtigen Ballons in so be-deutenden Höhen.
Zunächst wurde das grosse Landungsventil der Verbesserung unter-zogen. So angenehm es bei der Entleerung des Ballons war, dass dasselbe,wenn voll aufgezogen, in geöffneter Stellung verblieb, so nothwendig er-schien es nach den Erfahrungen dieser Fahrt, eine Vorkehrung zu ersinnen,die es gestattete, vom Korbe aus durch ein weiteres Ziehen der Ventilleinedas geöffnete Ventil wieder zu schliessen. Nach wochenlangen Versuchengelang es, eine verhältnissmässig einfache und sicher functionirende Con-struction zu finden, welche seiner Zeit bei der Beschreibung unseresBallonmaterials in Wort und Zeichnung geschildert ist. Als ich späterbei dem Bau des „Phönix“ die neue Reissvorrichtung construirte und ein-führte, wurde hierdurch diese Vorkehrung am Ventil überflüssig und daherauch wieder beseitigt. Ich hatte ferner eingesehen, dass das Heben undAusschütten der schweren Sandsäcke eine den Körper in grossen Höhenso anstrengende und so ermattende Arbeit sei, dass auch hierin Wandelgeschaffen werden müsse. Dass ich schon in einer Höhe von 5—6000 meiner Ohnmacht nahe war, ist lediglich der schweren Arbeit und körper-lichen Anstrengung zuzuschieben. Ein Vergleich mit dem ungleich frischerenHerrn Berson, welcher keine körperliche Arbeit auszuführen hatte, lehrtemich dieses, auch fand ich bei meinen späteren Hochfahrten bis auf 8000 mHöhe meine Wahrnehmung bestätigt. Interessant ist es z. B., dass wirbeide kaum noch im Stande waren, in 7000 m Höhe 25 kg 1 m hoch zuheben, eine Arbeit, die ich allein in 3000 m Höhe noch ohne sonderlicheAnstrengung und auf der Erde spielend leiste.
Ich brachte daher die schweren Sandsäcke an der Aussenwand desKorbes so an, dass dieselben bei dem Durchschneiden einer Leine sichselbst überschlugen und entleerten, eine Anordnung, welche sich vortrefflichbewährte, und die lästige Arbeit des Hebens der Säcke vollständig beseitigt.Ich machte es mir ferner zu Pflicht, bei den späteren Fahrten die Ventil-leinen, die Reissleine und die Füllansatzleinen dauernd unter Aufsicht zunehmen und gewöhnte es mir an, bei jeder Barometer-Ablesung laut die3 Worte auszurufen: „Ventilleine, Reissleine, Füllansatzleine.“ So komischdas klingen mag, so richtig war der Gedanke dabei; denn in jenen Höhenfolgt der Körper nicht mehr so unbedingt dem menschlichen Willen, er