Adam und Eva von 1507«
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Dürers Adam und Eva von 1507 find die vollendetften nacktenMenfchengeftalten, welche die Kunft des Nordens bis dahin hervor-gebracht hat. Die Stellung Adams ift ähnlich derjenigen auf demKupferftiche von 1504, nur hebt er den beffer gebildeten jugendlichenKopf, der mehr von vorne gefehen ift, mit geöffneten Lippen, dafsdie Zunge fichtbar wird, wie in freudigem Entzücken empor; dazudie abwärts gehaltene wie zur Abwehr gefpreizte rechte Hand unddas flatternde blonde Haar, indefs die linke den von Eva darge-reichten Zweig mit dem Apfel fafst. Eva fchreitet lächelnd, etwasvorgebeugt gerade heraus, indem fie einen Fufs über den anderenvorfetzt, was die Schlankheit ihrer Körperverhältniffe noch erhöht.Dürer liebt diefe Fufsftellung für nackte weibliche Figuren, desgleicheneine eigenthümliche Spreizung der Finger, welche über das Motivder jeweiligen Bewegung hinaus geht. Sehr fcharf hebt fleh das helleFleifch von dem beinahe fchwarzen Hintergründe ab; es ift ungemeinflüffig gemalt, in grauen Schatten fehr zart vertrieben. Dabei ift dieAusführung keineswegs kleinlich, ja breiter und weniger gequält, alsan den übrigen Meifterwerken Dürers in jenen Jahren; die Haarlockenz. B. find nicht einzeln nachgezogen, fondern durch paftoferen Auf-trag von Lichtpartien viel allgemeiner belebt. Wenn die freieremalerifche Behandlung der Bellini’fchen Schule auf Dürer eingewirkthat, fo verräth fich dies am meiften in diefem Werke, zu demer noch in Venedig die Vorftudien gemacht hatte. Kopf und Formender Eva deuten dahin, die Blätter und Früchte des Baumes find Eid-lichen Urfprungs, einige von den Thieren, mit denen er das erfteElternpaar umgiebt, konnte er daheim nicht fo naturgetreu ftudieren.Neben Adam fleht man einen Eber und einen Hirfchkopf — dasStudium zu letzterem in Wafferfarben enthält die Sammlung Pofonyi-Hullot Nr. 353 ■—• weiter vorne ein Fafanenmännchen, fehr gut ausge-führt. Hinter der Eva ift eine Löwin im Einfchlafen begriffen, genaunach der Natur gezeichnet; auf dem Afte weiter oben fitzt ein grauer,rothgefchwänzter Papagei in getreuefter Nachbildung, ein andererbunter ganz oben ift fchon weniger getroffen; im Vordergründe unten
Erfatzcopie, von den l'ranzofen 1796 inNürnberg weggenommen und fodann nachMainz gebracht. Vergl. Heller a. a. O.188, 211 11. 239. O. Mündler, Beiträge zuBurckhardts Cicerone, Jahrb. f. Kunftw.II, 284. Will, Gelehrten-Lexicon, 1755 » I»298, erwähnt des Bildes noch auf demNürnberger Rathhaufe: »welches Stück1200 Rth. gekoflet hat, bis es an Ort und
Stelle kam« ohne Angabe feiner Quelleund obwohl damals gewifs nur noch dieCopie dort war. Das Original ift geftochenvon Calzi und Ferretti in der GalleriaPitti des Luigi Bardi, Firenze 1840. III.Taf. 38 und 39 unter Lucas CranachsNamen. Eine Reduction des Doppelbildesgiebt unfere Initiale an der Spitze desCapitels.