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Dürer : Geschichte seines Lebens und seiner Kunst / Moriz Thausing
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307
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Das Allerheiligenbild.

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Dreifaltigkeit genannt, ift die letzte deutfche Verherrlichung des einenungetheilten, römifch-katholifchen Kirchenfyftemes vor der Reformation.Um diefelbe Zeit verlieh Raphael in der Stanza della Segnatura demgleichen Gedanken Ausdruck in feiner Darftellung der Theologie, derfogenannten »Difputa del Sacramento«. Auf beiden Gemälden bildetdie Dreifaltigkeit, zunächft verehrt von der Jungfrau Maria und Jo-hannes dem Täufer, den höheren Mittelpunkt, umfchwebt von Engels-chören und himmlifchen Heiligen, darunter in Anbetung und Betrachtungdie verfchiedenen Vertreter der Kirche auf Erden; beide Gemäldefchliefsen oben bogenförmig ab aber welch ein grofser Abftand,welcher Gegenfatz zwifchen dem Werke des Italieners und dem desDeutfchen! Raphael läfst den fiegreich auferflandenen Chriflus in derMandorla thronen; feine heiligen Apoftel und Märtyrer zu beidenSeiten find felbftbewufste, unabhängige Charaktere, auf den Wolkenthronend den olympifchen Göttern vergleichbar; feine Theologen undKirchenväter, die da um das heilige Sacrament zu lebhaften Difputverfammelt find, bilden bewegte mannigfaltige Gruppen, aus denenein Heer von geiftigen Gegenfätzen fpricht; von der Demuth des aufdie Stufen des Altars hinfinkenden Jünglings bis zu dem trotzigenWiderfpruche der zur Linken fich abkehrenden Häretiker. In dreiHalbkreifen baut Raphael feine Anfchauung vom römifchen Kirchen-ideal auf; in vollendeter Formenfülle ergeht er fich auf breiter Wand-fläche; er malt im Mittelpunkte der ganzen katholifchen Welt fürderen geiftliches Oberhaupt.

Dürer dagegen malt feine mäfsig grofse Holztafel für den Nürn­ berger Rothfchmied und Metallgiefser, für den Altar einer Verforgungs-anftalt von verarmten Mitbürgern. So fpiegelte fich der chriftlicheHimmel in einer deutfchen Seele! Da ift keine Verfammlung vongewiegten, auf fich felbft beruhenden, einander widerftreitenden Geiftern,abfchliefsend in mafsvoller Begrenzung. Alles geht hier auf in einemeinzigen jubilierenden Gefühle, in der Freudigkeit an der Erlöfung derCreatur von allen Leiden durch das Myfterium des einen göttlichenLeidens. Welch ein Gedränge von endlofen feligen Heerfchaaren,die aus der leuchtenden Ferne hinftreben nach dem Urquell desLebens! Und da thront in unbefchreiblicher Hoheit Allvater undhält von feinem Schoofse herab das weltbegnadende Vermächtnifs,den Kreuzesftamm, an dem der Mittler eben feinen Tod erleidet.Ein Kreis von Seraphim fchliefst fich über der Dreifaltigkeit; zu derenbeiden Seiten reiht fich der Chor der dienenden Engel mit den Marter-werkzeugen an. Eine Stufe darunter öffnet fich der Kreis der Heiligen;zu unferer Linken, alfo zur Rechten Gottes, geführt von der Jungfrau

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