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Dürer : Geschichte seines Lebens und seiner Kunst / Moriz Thausing
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308
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XII. Die grofsen Gemälde.

Maria, die Schaaren der Märtyrer des neuen Teftamentes, zumeiftdurch Frauen vertreten; zur Rechten mit Johannes dem Täufer ander Spitze die altteftamentarifchen Helden, darunter David und Mofes,überhaupt, dem mehr thätigen als duldenden Charakter der Urzeit ge-mäfs, meiftens Männer. In den Gewändern diefer Sphäre fmd dieFarben blau, grün und rofenroth vorherrfchend. Daran fchliefst flehvorwiegend in Roth und Gold die Vertretung der kämpfenden undleidenden Kirche, nicht nach einzelnen Perfönlichkeiten, fondern dendeutfchen Begriffen jener Tage entfprechend, nach Ständen gefcliildert.Links die Geiftlichkeit, voran der Papft. Mit einladender Handbe-wegung kehrt fich der Cardinal nach dem fchüchternen Stifter Landauer,der demüthig anbetend dakniet, gefolgt von Frauen feiner F'amilie.Der Entwurf zu diefem Profile des Stifters in fchwarzer Kreide undvon Dürers Hand bezeichnet: »Landawer styfter 15II«, ift im Befitzvon William Mitchell in London ; es ift das einzige Studium zumAllerheiligenbilde, das ich auffinden konnte. Auf der anderen Seitefchliefsen die weltlichen Stände den Kreis: der Kaifer in der idealenGreifengeftalt Karls des Grofsen im reichen Mantel von Gold undPelzwerk, Könige und Fürften, darunter der Doge, und weiter einftrammer Ritter in goldener buntverzierter Rüftung. Auch fehlt dasheitere Bäuerlein nicht mit feinem Drefchflegel, und nicht ohne einenAnflug des landläufigen Spottes fcheint ein bürgerlicher Jüngling ihnzu begrüfsen, als wollte er fagen: Und Du bift auch da? Dazwifchenfchaut ein anderes Bauerngeflcht mit komifcher Gravität unter feinemhohen Filzhute heraus. Den Abfchlufs zur Rechten bilden wiederP'rauen.

Gewifs, an ernfter Getragenheit, an Ebenmafs der Linien, wie anDurchbildung der Geftalten kann fleh die Tafel Dürers mit RaphaelsP'resco im Vatican nicht meffen. Auch in der Compofition kann diefyftematifche Gründlichkeit und die überreiche Fülle der Figuren denMangel an Flächenraum nicht erfetzen. Was bei Raphael in dreihalbkreisförmigen Abftufungen hingelagert erfcheint, thürmt fleh beiDürer in fünf gefchloffenen Kreifen übereinander auf, wenn wir diereizende Uferlandfchaft, mit der das Bild unten abfchliefst, hinzurechnen.Unten im Vordergründe diefer wundervollen Landfchaft, in der rechtenEcke des Gemäldes hat fleh Dürer felbft abgebildet, in ganzer Figurdaftehend wie ein Sieger mit dem langen, wohlgepflegten Lockenhaare,angethan mit der faltenreichen Schaube, dem pelzverbrämten Feftge-wande jener Zeit. Er hält zu feinen Fiifsen eine Tafel mit der In-fchrift, dafs Albrecht Dürer , ein Nürnberger das gemacht habe im