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Dürer : Geschichte seines Lebens und seiner Kunst / Moriz Thausing
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334
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XIII. Der Künftler und der Menfch.

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nigftens deuten die völligen Glieder auf ein italienifches Modell, undihre entgegengefetzte Bewegung erinnert nur fehr an den Contrapoftodes älteren Sansovino oder Andrea Contucci , und Michelangelos 1 ).Rechts fieht man den Oberkörper eines liegenden weiblichen Actes;dazwifchen ein Satyr und ein alter Männerkopf. Links fieht man diehalbe Figur eines Mannes im Profil, zu welcher fich die Vorlage ineiner Federfkizze der Albertina erhalten hat. Der Mann, welchendie Zeichnung ftark linkshin gewandt in Barett und Hemdärmeln, denUnterarm auf eine Fläche, wohl den Tifch gelegt, darftellt, ift keinanderer als Dürers Bruder Andreas. Die Skizze erfcheint auf der Ra-dierung genau im Gegenfinne; nur ift der Kopf weniger ftark abgewen-det und mit etwas Bart verfehen. Da die flüchtige Zeichnung mit derächten Bezeichnung von 1514 Dürer gerade zur Hand war, als er denRadierverfuch machte, dürfte diefer wohl auch noch demfelben Jahreangehören. '

Nach einer fo gelungenen Probe ftand der Anwendung der Ra-dierung auf Eifen und Stahl freilich nichts im Wege. Dürer ätzte imJahre 1515 den kleinen fitzenden Schmerzensm an (B. 22), fodann dengrofsen Chriftus auf dem Oelberge im Profile rechtshin knieend (B. 19).Die Zeichnung zu Letzterem, im Gegenfinne mit der Feder entworfenund mit einem kräftigen Pentimento am Gewand verändert, befindetfich in der Albertina; desgleichen eine andere viel günftigere Auf-nahme desfelben betenden Heilands allein, mit dergleichen fo ge-lungenen Draperie, mehr von vorne gefehen; eine der edelften Chriftus-figuren von Dürer . Die Jahreszahl 1516 tragen zwei andere Radie-rungen; die Entführung eines nackten Weibes durch einen nacktenMann auf einem rechtshin fprengenden, phantaftifchen Einhorn (B. 72);ein grofses Blatt, das wohl einen Gegenftand der Mythologie dar-ftellen foll ob den Raub der Proferpina durch Pluto, wie Hellermeint, bleibe dahingeftellt. Die Freiheit, mit welcher diefe Eifenplattebereits geätzt ift, gedeiht bis zur Flüchtigkeit in dem von einemEngel in die Lüfte gehaltenen Schweifstuche der Veronica (B. 26); esmag gleich unmittelbar auf die grundierte Platte entworfen fein. Nach-dem fo auch diefe Technik überwunden ift, macht Dürer nur nocheinmal von derfelben Gebrauch in dem grofsen Querblatte, genanntdie Kanone von 1518 (B. 99). Eine grofse Nürnberger Feldfchlange,

1) C. v. Lützow machte mich auf dieAehnlichkeit der Figur mit der kauerndenAnatomie des Michelangelo aufmerkfam.Schon der Eros im South-Kenfington-

Mufeum, eine frühe Arbeit von Michelan­ gelo , hat die gleiche kauernde Stellung.Es wäre dies die einzige Spur von einemEinflüße des grofsen Florentiners auf Dürer .