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Dürer : Geschichte seines Lebens und seiner Kunst / Moriz Thausing
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455
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Kupferftichfolgen.

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Dafs Dürer die Folge, wie vieles Andere unvollendet liefs, fprichtnicht gegen die, bereits von Eye geahnte Annahme ihres Zufammen-hanges. Vielleicht, dafs ihm die etwa durch Spengler veranlafste unddann doch als ungefchickt erfchienene Hereinziehung des heiligenHieronymus das Concept verfchoben hat. Der Gedanke, den popu-lären Kirchenvater in feiner Häuslichkeit darzuftellen, war nicht neu.Abgefehen von anderen italienifchen und deutfchen Meiftern hatteDürer ihn bereits in feinem vortrefflichen Holzfchnitte von 1511(B. 114) in ähnlicher Weife gefchildert. Neu ift an dem Kupferftichenur die farbige Stimmung, der poetifche Hauch, das Stillleben, indas der Heilige hier verfetzt wird und vor welchem derfelbe nichtblofs räumlich in den Hintergrund tritt. Dafs Dürer damals zu reinenStimmungsbildern hinneigte, zeigt noch ein anderes Beifpiel. Er flachnämlich gerade im Jahre 1514 den kleinen Dudelfackpfeifer, der aneinen Baum gelehnt auffpielt und das tanzende Bauernpaar, deffenderbe Luftigkeit einem Brueghel Ehre machen würde 4 ). Die beidenBlättchen find offenbare Seitenflücke; fie find zufammen erfundenund follen zufammen betrachtet werden. Trotz des ganz gering-fügigen, gewifs nicht beabfichtigten Unterfchiedes im Formate undobwohl fie äufserlich durch nichts als folche gekennzeichnet find,erfcheinen die beiden Stiche jedem unbefangenen Blicke doch fogleichals Pendants, verbunden durch gleiche Formgebung und den einfach-flen Gedankengang. Auch die kleinen Apoftel Paulus 1 2 ) und Thomas,mit denen Dürer gerade auch 1514 feine Apoftelfolge begann,verrathenja durch kein befonderes Merkzeichen ihre Zufammengehörigkeit unddas Gleiche gilt von der geftochenen Paffion. In diefer Beziehungcharakterifiert fich alfo die Folge der Temperamente ausnahmsweifeviel deutlicher als folche, indem die Melancholie mit dem vollenNamen und der Ziffer I, der Sanguinicus wenigftens mit dem Anfangs-buchftaben bezeichnet ift.

Dürers Neigung zum Speculieren und Grübeln erreicht überhauptum das Jahr 1514 ihren Höhepunkt. Die Aufträge des KaifersMaximilian hatten ihn von den religiöfen Darftellungen, die ihn zuvorganz erfüllten, mehr und mehr abgelenkt. Zugleich war er dadurchnothwendig in vielfache Berührungen mit den Gelehrten am kaifer-lichen Hof lager gekommen und mit folchen, die befliffen waren, fich

1) Bartfeh Nr. 91 und 90. Die kleinen

Platten weichen von einander ab in derHohe um 2, in der Breite um I Millim.Die Platte des Sackpfeifers hat fich in ftarkretouchiertem Zuftande im Befilz der Fa-

milie Imhof bis heute erhalten.

2) Die Federfkizze zu diefem St. Paulus,Barlfch 50, von gleicher Gröfse im Gegen-finne befindet fich in den Uffizien zu Florenz .