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Dürer : Geschichte seines Lebens und seiner Kunst / Moriz Thausing
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XVI. Die Reformation.

ihm. Alsbald waren zehn Reiter da, die führten verrätherifch denverkauften, frommen, mit dem heiligen Geifte erleuchteten Mann hin-weg, der da war ein Nachfolger des wahren chriftlichen Glaubens.Und lebt er noch oder haben fie ihn gemordet? was ich nicht weifs dann hat er das gelitten um der chriftlichen Wahrheit willen, unddarum, dafs er geftraft hat das unchriftliche Papftthum, das da wider-ftrebt der Freilaffung Chrifti mit feiner grofsen Laft von menfchlichenGefetzen; und auch darum, dafs wir deffen, was unteres Blutes undSchweifses ift, alfo beraubt und ausgezogen werden und dasfelbe fofchändlich von müfsiggehendem Volke läfterlich verzehrt werde, indefsdie dürftigen, kranken Menfchen darob Hungers fterben. Und fonder-lich ift mir noch das Schwerfte, dafs uns Gott vielleicht noch unterihrer falfchen, blinden Lehre bleiben laffen will, welche die Menfchen,die fie Väter nennen, erdichtet und aufgefetzt haben; weshalb uns dasköftliche Wort Gottes an vielen Orten fälfchlich ausgelegt oder garnicht vorgehalten wird. Ach Gott im Plimmel, erbarme dich unfer!«

Und fo geht es fort im erlefenften Predigertone der Zeit. DieStelle läfst uns einen tiefen Blick thun in das bewegte SeelenlebenDürers. Sie zeigt auch feine Belefenheit in der theologifchen Litera-tur, die damals an der Spitze der öffentlichen Meinung ftand, undfeine Vertrautheit mit den kirchlichen Tagesfragen. Er träumt vonder Vereinigung aller chriftlichen Confeffionen und fleht zu Chriftus:»Rufe die Schafe deiner Weide, die fleh noch zum Theil in derrömifchen Kirche befinden, wieder zufammen mit fammt den Indianern,Moskowitern, Reuffen und Griechen, die durch den Druck und Geizder Päpfte und durch falfche Scheinheiligkeit getrennt worden find.Ach Gott ! erlöfe dein armes Volk, das da durch grofsen Bann unddurch Gebote bedrängt wird, deren es keines gern erfüllt, daher esftets fündigen mufs in feinem Gewiffen, wenn es diefelben Über-tritt« u. f. w.

Weiterhin bezieht fleh Dürer auf den englifchen Reformator John Wicliffe , indem er von Luther fagt: »Und wenn wir diefen Mann, derda klarer gefchrieben hat, als irgend einer, der feit 140 Jahren gelebthat, und dem du folch einen evangelifchen Geift gegeben haft, ver-loren haben follen, fo bitten wir dich, o himmlifcher Vater! dafs dudeinen heiligen Geift wiederum Einem gäbeft, der da deine heilige,chriftliche Kirche allenthalben wieder verfammle, auf dafs wir wiedereinig und chriftlich zufammenleben, und damit alle Ungläubigen, alsda find Türken, Heiden und Kalikuten, unferer guten Werke wegenvon felbft zu uns begehren und den chriftlichen Glauben annehmen.Du willft aber, o Herr! ehe du richteft, fo wie dein Sohn Jefus Chriftus