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XVII. Krankheit, Tod lind fchriftlicher Nachlafs.
Fehler ähnlich fah, fo war es einzig der unendliche Fleifs und dieoft bis zur Ungerechtigkeit an fich geübte Selbftkritik« ’). Der Zu-fammenhang, in welchem Camerarius diefen Ausfpruch thut, deutetallerdings auch darauf hin, dafs Dürer in übermäfsiger Anflrengungfich verzehrt habe. Diefe war aber längft nur noch theoretifchenStudien gewidmet und nicht mehr einer, auf Erwerb hinzielendenKunftproduction.
Mit der reinen Kunflthätigkeit hatte Dürer bereits aus freienStücken abgefchloffen, als ihn der Tod ereilte. Die Forfchung nachdem »Grunde der Kunft« d. h. nach allem für den Kiinftler Wiffens-werthen, die ihm von Jugend auf vorfchwebte, befchäftigte ihn immermehr. Hatte er fich durch feine Kunft äufsere Unabhängigkeit undMufse errungen, fo widmete er fie nun diefen, wie er glaubte, grund-legenden Studien und das letzte Jahr feines Dafeins mag er aus-fchliefslich damit verbracht haben. Es fcheint, als habe er fortan nurmehr der Abfaffung und Drucklegung feiner Schriften leben wollen.Damit glaubte er noch feine letzte Pflicht gegen das Vaterland und.die Nachwelt zu erfüllen. Ein geheimes Wiffen, das er beim Alter-thume vorausfetzte, wollte er der deutfchen Kunft auf’s Neue er-fchliefsen; fie follte darauf ihre künftige Gröfse begründen. Dabeifolgte er einem ganz ausgeprägten Zuge feines Geiftes. Die Ge-lehrtennatur in ihm kam immer deutlicher zu Tage und erfüllte ihnmit dem Ehrgeize, das Streben nach Erkenntnifs in fich und inAnderen zu befriedigen. Gegen Melanchton äufserte er einmal:Ein ungelehrter Menfch gleiche einem ungefchliffenen Spiegel 1 2 ). UndMelanchton hatte eine hohe Meinung von Dürers Urtheil. Daherbewahrte er deffen Ausfpriiche fo forgfältig und führte fie fo gernean zur Bekräftigung feiner eigenen. Er nahm wohl auch DürersHilfe in Anfpruch bei Erklärung einer fchwierigen Stelle des Suetoniusüber eine Statue des Auguftus 3 ). Und den Dürft nach Wiffen er-klärt Dürer fchon viel früher einmal für die einzige unerfättliche Be-gierde des Menfchen in feiner markigen Redeweife: »Alle begehren-den und wirkenden Kräfte des Gemüthes können eines jeglichen
1) Erat autem si quid oirmimn in illoviro quod vitii simile videretur, unica infi-nita diligentia et in se quoque inquisitrixsoepe pariim oequa. Camerarius , Vorredezur lat. Uebers. der Proportionslehre 1532.
2) Simile dixit Durerus: Ilomo indoctusest quasi impolilum speculum. Manlius,Loc. com. coli. II. 67.
I 1526: Scis nos antea in eodem Suetoniiloco huesisse, nec potuisse llatuere de eo.Nunc videtur satis planus. Ilaque nonnecesse est, Durero negotium facere, eiquesi quam nobis operam navavit in hac re,magnas agito gralias et dicito, me naXiVia-dijocu et correxisse sententiam imprudenter,nec ante re expensa scriptam. Melancht.Epp. Lond. 1642 IV. 41.
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