Die theoretifchen Studien.
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Dinges, wie nützlich und luflbar das immer erfcheinen mag, von täg-licher Uebung, vielem und übcrflüfsigem Gebrauche befriedigt, erfülletund zuletzt verdriefslich werden, allein die Begierde, viel zu wiffen(die da einem Jeglichen von Natur eingepflanzt ift) die ift gegenfolche Erfättigung gefreit und aller Verdriefslichkeit ganz und garnicht unterworfen« 1 ).
Denn Dürer hat nicht etwa erft in feinen letzten Jahren mit derPflege feiner theoretifchen Studien begonnen. Sie find faft fo alt,wie feine Kunftthätigkeit. Wir fahen z. B., dafs feine erften Verfuchein der Proportionslehre bis über das Jahr 1500 hinaufreichen 2 ). WannDürer aber den Entfchlufs fafste, als Schriftfteller aufzutreten, wanner mit den erften Aufzeichnungen feiner Ergebniffe begann, auswelchen Quellen er fchöpfte und wie hoch feine Verdienfte um diebetreffenden Wiffenszweige anzufchlagen find, über alles das find wirnoch fehr mangelhaft unterrichtet. Das reiche Material, welches derMeifter in diefer Beziehung in feinen drei gedruckten Büchern und inzahlreichen Handfchriften hinterlaffen hat, bedarf erft noch einer ein-gehenderen Sichtung und Würdigung. Der Erfte, welcher diefe Seitevon Dürers Thätigkeit zum Gegenftande ernfter Studien gemacht hat,war Albert von Zahn 3 ). Ein früher Tod hat ihn leider an der weiterenVerfolgung und an dem Abfchluffe derfelben verhindert. So bleibenwir cinftweilen auf das von ihm zu Tage Geförderte angewiefen.Darüber hinauszugehen und zu befriedigenden Ergebniffen über dieBedeutung Dürers als Schriftfteller und Gelehrter zu gelangen, kanndaher kaum die Aufgabe einer kunftgefchichtlichen Darftellung fein.Dazu fehlt es noch an den nöthigen Vorarbeiten, deren Grundlagezunächft eine kritifche Ausgabe fiimmtlicher wiffenfchaftlichen SchriftenDürers bilden müfste. Ich habe daher — wie fchon der Titel diefesBuches anzeigt — von vornherein darauf verzichtet, die theoretifchenArbeiten des Meifters mit der gleichen Ausführlichkeit zu behandeln,wie feine Kunftwerke. Pis konnte nicht meine Abficht fein, ein Buchim Buche zu fehreiben. Glaubte ich doch die längfte Zeit die Studienauf diefem weiten Gebiete den beften Pländen anvertraut; und ge-meinfam mit A. v. Zahn hoffte ich noch an der weiteren Verfol-gung derfelben mich zu betheiligen. Ja es überfteigt vielleicht über-haupt die Kräfte und den Wiffenskreis des Einzelnen, einer fo viel-feitigen Geiftesthätigkeit auf allen ihren Spuren zu folgen. Die Kunft-
1) Jalirb. f. Knnflw. I, io.
2 ) Oben S. 222 ff.
3) Dürers Kunfllehre und fein Ver-