J02 XVII. Krankheit, Tod und fchriftliclier Nacldafs.
gefchichte fleht hier vor denfelben ungeheueren Schwierigkeiten, wiebei Lionardo da Vinci.
Unter diefen Umftänden fand ich es räthlich, in der gefchicht-lichen Darftellung von Dürers theoretifchen Arbeiten im Grofsen undGanzen abzufehen und nur eine kurze Ueberficht deffen, was wir heutedavon wiffen und für wiffenswerth halten, hier am Schluffe zufammen-zuftellen. Das Bild, welches wir von dem künftlerifchen Entwicke-lungsgange Dürers gewonnen haben, ward durch die Ausfonderung feinerfchriftftellerifchen Thätigkeit keineswegs beeinträchtigt; denn die Kunft-fchöpfungen des Meifters find weit entfernt, mit feinen theoretifchen Er-gebniffen und Vorfchriften überall in Einklang zu flehen, noch wenigererfcheinen fie durch diefelben bedingt. Wie vielmehr überhaupt alleKunfttheorie und Kunfllehre erft im Gefolge der Kunftübung auftritt,fo find fie auch bei Dürer nicht fo wohl die Träger, als die Fruchtfchöpferifcher Thätigkeit. Die Kunfl ift ja immer nur gemacht, niegepredigt worden; und es darf uns daher nicht Wunder nehmen,wenn wir die kühnen Rathfchläge und fpitzfindigen Conftructionenaus Dürers Schriften in feinen ganz gleichzeitigen Kunftwerkenoder Entwürfen am wenigften beobachtet fehen. Losgelöfl von allenäufseren Bedingungen nimmt eben die Phantafie und das Spiel mitausgeklügelten Formen oft einen abfonderlichen Lauf.
Andererfeits ift nicht zu leugnen, dafs in dem Mafse, als dieKunftübung aufhört naiv und unbefangen fortzufchreiten, als fie nichtmehr nachgefühlt, fondern von bewufsten, reflectierenden Meifternfelbftändig gepflegt wird, auch das Bedürfnifs einer theoretifchen Be-lehrung empfunden und dann wohl auch leicht überfchätzt wird.Wie zeitgemäfs diefe Beftrebungen waren, beweiftj die überfchwäng-liche Anerkennung und die weite Verbreitung, welche die gedrucktenSchriften Dürers gefunden haben. Das erfte Buch, welches Dürerveröffentlichte, ift die Mefskunft oder »Unterweifung der Meffung mitdem Zirkel und Richtfcheit in Linien, Ebenen und ganzen Körpern durchAlbrecht Dürer zufammengezogen und zu Nutz allen Kunftliebhaben-den mit zugehörigen Figuren in Druck gebracht im Jahr 1525«. Esenthält einen Lehrgang der angewandten Geometrie im Anfchluffean Euklids »Elemente«. Dürer hebt daher gleich eingangs hervor,wer die Geometrie des »allerfcliarffinnigften« Euklides verftehe, derbedürfe der hernach gefchriebenen Dinge gar nicht, denn fie feienallein den Jungen und denen, die fonft niemand haben, der fie treu-lich unterweiff, gefchrieben. Deutlicher noch fpricht er feine Abficht inder dem Werke vorangefchickten Widmung an Pirkheimer aus:»Günftiger Herr und Freund! Man hat bisher in unferen deutfchen