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Dürer : Geschichte seines Lebens und seiner Kunst / Moriz Thausing
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505
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Nachdrucke. Stilmifchung.

505

indem er die geometrifche Schneckenlinie zu einem »Horneiffen« d. i.einer Volute an einem Capital und zu den Laubboffen oder Krappeneines Bifchofftabes, die Parabel zu einem Thurmdache und zu denBlättern eines korinthifierenden Capitäls verwendet. In Verbindungmit dem aus dem Aufriffe verfchränkter Vielecke fich ergebendenDurchkreuzungen von Linien werden gleicherweife Pfeiler fpätgothi-fchen Stiles und antikifierende Säulen hergeftellt und eine Reihe»iiberfchiefsender Gefimfe, die man unten an den Pfeilern braucht«theils der einen, theils der anderen Stilform angehörend, ftehen zurAuswahl neben einander. Daneben wieder viel feltfames Mafswerkaus dem Zirkelbogen gebildet und ein künftliches Netzgewölbe fürdiejenigen, welche »grofse Liebe haben zu feltfamen Reihungen inden Gewölben zu fchliefsen von Wohlflandes wegen«. Schliefslichconftruiert Dürer mit Zirkel und Richtfcheit die Buchflaben des an-tiken fowohl, wie des gothifchen Alphabetes, und zwar von erftcremmit befonderer Sorgfalt die fchöne Majuskel, von letzterem blofs eineallzu nüchterne Minuskel. Diefcr Theil von Dürers Schrift ift öftervon Kalligraphen befonders benützt worden, fo 152g in dem zu Sara-gofia erfchienenen Werke des Juan de Yciar, 1553 durch WolfgangFugger, Schreibmeifter zu Nürnberg , deffen Formular 1600 zu Augs­ burg wieder erfchien 1 ).

Man fieht deutlich, dafs Dürer einen principiellen Gegenfatz zwi-fchen Gothik und Renaiffance gar nicht kennt, und es ift dies ganzbezeichnend für einen Meifter, der mitten in der Stromfchnelle desUebergangcs fteht. Der alte, wie der neue Stil hat Ucbcrzeugendesfür ihn, und er vermeint beide zu verbinden und in einander überzu-leiten ohne ihnen Gewalt anzuthun. Die vermittelnde Anfchauung iftvorbedeutend und mafsgebend geworden für die ganze deutfehe Re-naiffance-Kunft; und das zwar im Vereine mit einer ierncrcn Eigen-thümlichkcit, die auch bereits bei Dürer in der weitgehendften Weifevorgebildet ill;, nämlich der Freiheit und Willkiihr, welche jedemEinzelnen verftattet wird. Dürer hält die Bauformen nicht für etwashiftorifch Gewordenes, aus den Bcftrcbungcn eines ganzen Volks-thumes Ilervorgegangenes, fondern für Erfindungen einzelner begabterMeifter. Als der vornehmfte und nachahmenswerthefte unter ihnen er-fcheint ihm zwar Vitruv . Das foll aber die neuen Baumeifter keines-wegs in der freieften Erfindung des Einzelnen einfehränken, zu wel-cher Dürer vielmehr ausdrücklich einladet und die Beifpiele liefert:»es möge fich übrigens jeder bemühen, etwas Weiteres und P'remdes

1) Vergl. oben S.316IT. Heller, III. Ablh. S. 988.