Die Proportionslehre des Menfchen. 513
Glieder hat Dürer genau beachtet und überall conflant feftgehalten.Schon in der Vorrede verwahrt fleh Dürer, er wolle von innerlichenDingen nichts fchreiben und im Eingang des vierten Buches heifst es:»Aber wie man wohl foll reden von den Gliedern, wie fle wunder-barlich in einander gehen, das wiffen die da mit der Anatomie um-gehen, die lafs ich von denfelben reden« und er begnügt fleh daraufmit einigen dürftigen Andeutungen über die Grenzen der Körper-beugung und über das Anfchwellen der Glieder beim Beugen undStrecken.
Unter diefen Umftänden mag uns heutzutage der Erfolg, denDürers Proportionslehre hatte, billig in Erftaunen fetzen, doch erfehenwir daraus, wie das Buch nach dem damaligen Stande des Wiffensgewürdigt ■wurde. Von der lateinifchen Ueberfetzung, welcheCamerarius beforgte und Jeronymus für die Wittwe druckte, er-fchienen die erften zwei Bücher 1532, die beiden übrigen 1534; fleward 1537 und dann 1557 in Paris neu aufgelegt. Darnach fertigteG. P. Galucci feine italienifche Ueberfetzung, die in Venedig zweimal1591 und 1594 gedruckt und wieder von Luiz da Cofta in’s Spanifcheund angeblich auch in’s Portugiefifche überfetzt wurde; wenigftensward die letztere nicht gedruckt. Als Curiofum fei hier erwähnt, dafsFrancisco Pacheco , der Maler der fpanifchen Inquifltion und Lehrerdes grofsen Velasquez, in feinem Buche über die Malerei ftatt desweiblichen Modelles die Zeichnungen Dürers zum Studium empfiehlt').Eine franzöfifche Ueberfetzung der Proportionslehre, nach der latei-nifchen Ausgabe hergeftellt von L. Meigret erfchien 1557 zu Paris und 1614 zu Arnheim , wo 1603 auch die deutfehe Originalausgabenachgedruckt ward und das Buch endlich 1622 und 1662 auch inholländifcher Ueberfetzung erfchien.
Die Proportionslehre ift nicht blofs das umfangreichfte von Dürersgedruckten Büchern, es haben fleh auch noch viele handfchriftlicheVorarbeiten und zahllofe Zeichnungen zu dem Werke erhalten. Dü rer hielt diefen Gegenftand für den wichtigfien Theil feiner theoreti-fchen Studien. »Vor allen Dingen, fagt er einmal, ift uns lieblich zufeilen ein fchönes menfchliches Bild, darum will ich an dem menfeh-lichen Mafs anfangen zu machen; darnach, fo mir Gott Zeit verleiht,von anderen Dingen mehr fchreiben und machen; ich weifs wohl, dafsdie Neidifchen ihr Gift nicht bei fleh behalten werden, es foll michaber nichts hindern, denn es haben einft die grofsen Männer desglei-chen leiden müffen « 2 ). Doch enthält die Proportionslehre und die
1) El Arte de la Pintura, Sevilla 1649; j 2) Jahrb. f. Kunftw. I, 7.
S. 272. Waagen, Jahrb. f. Kunftw. II, 19. ITh au fing, Dürer.
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