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Dürer : Geschichte seines Lebens und seiner Kunst / Moriz Thausing
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512
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XVII. Krankheit, Tod und fcliriftlicher Nachlafs.

im Verlage feiner Wittwe und im Druck von Jeronymus Andrem.Dürer befolgt zwei verfchiedene Syfteme in der Ausmeffung desmenfchlichen Körpers; im erflen Buche giebt er die Mafse nach Bruch-theilen der Gefammtlänge, im zweiten bedient er fich eines Mafs-ftabes von 600 Theilen, wie ihn auch Leon Battifta Alberti anwendet,ein Zeichen, dafs Dürer doch von den, damals noch ungedrucktenSchriften des Florentiners irgend eine Kunde hatte. Die durch Erfah-rung gefundenen Mafse verändert Dürer dann nach abftrahierten Ilaupt-verhältniffen durch proportionale Vermehrung und Verminderung, biser zu überfchlanken und iiberflarken Geftalten gelangt, für welchedie Natur nirgends Vorbilder bietet. Dabei ift er weit entfernt all-gemein gültige Normen oder gar einen beflimmten Kanon für dieMafsverhältniffe des menfchlichen Körpers aufftellen zu wollen 1 ).

Im dritten Buche werden dann die mannigfaltigen Proportionen derin den beiden erflen Büchern gegebenen Gehalten nach behimmtenRegeln verändert, indem die gegebenen Theilmafse auf möglich!! verfchiedene Art, doch mit einer gewiffen Stätigkeit ab- und zuneh-men. Diefe Formveränderungen werden bedingt durch eine paar-weife aufgehellte Reihe von Kategorien, als Grofs und Klein, Jungund Alt, Feih und Mager etc.: Dürer nennt fie »Wörter des Unter-fchiedes, welche lieblich und häfslich machen«. Zum Zwecke dertheils proportionalen, theils einfeitigen Verlängerung und Verkürzungentwirft er mehrere Ilillshguren, denen er eigene Namen giebt unddie er fich zum Theile als Werkzeuge der Zeichnung ausgeführt denkt.Die feltfamen Verhältniffe, welche fich ihm fo ergaben, veranlaffenDürer felbh, vor deren Mifsbrauch zu warnen, doch heht er diefeallerdings unmittelbar nicht brauchbaren Gehalten immer noch alslehrreich für die Sachverhändigen an. Das vierte Buch zeigt an, »wound wie man die vorbefchriebenen Bilder biegen foll«. Es ih imW T efentlichen eine Anwendung der geometrifchen Projectionslehreauf die Zeichnung des in Linien und Ebenen eingefügten menfchlichenKörpers unter verfchiedenen Anfichten und in verfchiedenen Stellungen.Auch hier werden heben »Wörter des Unterfchiedes« aufgehellt, als»Gebogen, Gekrümmt, Gewendet« etc. und in geometrifchen Eiguren'erläutert. Merkwürdig ih, dafs alle Gehalten, auch die in bewegtenStellungen, fah ohne Berückfichtigung des inneren Organismus undblofs ganz fchematifch aufgebaut werden. Nur die Gelenkspunkte der

l) Es ift daher ganz verkehrt, nacheinem folchen bei ihm zu fliehen, wie esz. B. J. J. Troft: Die Proportionslehre

Dürers nach ihren wefentlichen Beftim-ntungen, Wien 1859, unternommen hat.