Buch 
Dürer : Geschichte seines Lebens und seiner Kunst / Moriz Thausing
Entstehung
Seite
519
JPEG-Download
 

Ueber den Untergang der antiken Kunft.

5 J 9

knüpft. In der Vorrede zu feinem Proportionswerke foll nach feinemausdrücklichen Wunfche hervorgehoben werden, »dafs er die Wälfchenfehr lobe in ihren nackten Bildern und zumal in der Perfpective« 1 ).

Im Jahre 1513 aber fchreibt Dürer: »Die grofse Kunft des Malens iftvor vielen hundert Jahren bei den mächtigen Königen in grofser Acht-barkeit gewefen, denn fie machten die fürtrefflichen Kiinftler reich undhielten fie würdig, denn fie erachteten folche Sinnreichigkeit für einSchaffen, gleichförmig dem Gottes. Denn ein guter Maler ift inwendigvoller Figuren, und wenns möglich wäre, dafs er ewiglich lebte, fohätte er aus den inneren Ideen, 'davon Plato fchreibt, allzeit etwasneues durch die Werke auszugiefsen. Vor vielen hundert Jahren findannoch etliche berühmte Maler gewefen, als mit Namen: Phidias ,Praxiteles , Apelles , Poliklet, Parrhafius, Lifippus, Protogenes und dieanderen, deren einige ihre Kunft befchrieben und zumal kunftvoll an-gezeigt und klar an den Tag gebracht haben; doch find ihre löb-lichen Bücher uns bisher verborgen und vielleicht gar verloren ge-gangen einft gefchehen durch Krieg, Austreibung der Völker undVeränderung der Gefetze und Glauben, was da billig zu beklagenift von einem jeglichen weifen Mann. Es gefchieht oft durch dierohen Unterdrücker der Kunft, dafs die edlen Ingenia ausge-löfcht werden; denn fo fie die in wenigen Linien gezogenenFiguren fehen, vermeinen fie, es fei eitel Teufelsbannung. Soehren fie Gott mit etwas, das ihm widerwärtig ift; und menfchlich zureden, hat Gott ein Mifsfallen über alle Vertilger grofser Meifterfchaft,die mit grofser Mühe, Arbeit und Zeit erfunden wird und allein vonGott verliehen ift. Ich habe oft Schmerzen, dafs ich der vorgenann-ten Meifter Kunftbücher beraubt fein mufs; aber die Feinde der Kunftverachten diefe Dinge« 2 ).

Merkwürdiger noch ift eine ältere, erfte Faffung diefer Stelle, inwelcher Dürer feine Anfichten über das Verlöfchen der alten Kunftnoch deutlicher ausdrückt. Die Anffchreibung mufs aus einer Zeitftammen, in welcher die Einwirkung der italienifchen Renaiffance imSinne Mantegnas in Dürer noch lebhaft nachklang; fo dafs er gar ineiner unmittelbaren Nachahmung der Antike das Heil der modernenKunft erblicken konnte. Diefe erfte Faffung lautet folgendermafsen:»Plinius fchreibt, dafs die alten Maler und Bildhauer, als Apelles ,Protogenes und die anderen gar kunftvoll befchrieben haben, wie manein wohlgeftaltetes Gliedermafs der Menfchen machen foll. Nun iftes wohl möglich, dafs folche edle Bücher im Anfänge der Kirche

1) Brief an Pirkheimer im Dresdener I 2) Jahrb. f. Kunftw. I, 6,

Codex ; Heller, S. 999. I