Ueber Natur, Kunft und künftlerifches Schaffen.
523
etwas von der Erhebung, mit welcher der Meifter lieh in Gemeinfchaftmit der Schöpferkraft Gottes weifs. Ein »heimlicher Schatz desHerzens« ift ihm der innerliche Geftaltenreichthum und deffen Ergüffeim Kunftwerke bekunden fich als »neue Creaturen«, als die im Geifteempfangenen und geborenen, nicht äufserlichem Anlaffe entflammen-den oder von fremdem Vorbilde abhängigen Aeufserungen einerganzen Künftlernatur. Und daraus folge, fügt Dürer hinzu, dafs einwohlgeübter Künftler nicht zu einem jeglichen Bilde Studien nachder Natur zu machen brauche, »denn er geufst genugfam heraus, waser lange Zeit von aufsen hinein gefammelt hat; ein folcher hat gutmachen in feinem Werke, aber gar wenige kommen zu diefem Ver-ftändniffe« *).
Die Worte ftimmen gut zu der Art, wie Dürer feine fpäterenWerke gefchaffen hat. So hoch er aber auch feinen Künftlerberufhält, dafs er darin gar einen Abglanz von Gottes Wirken erblickt, foliegt darin doch keine perfönliche Üeberhebung. Seine eigene Kunft-production fowohl, wie fein theoretifches Wirken glaubt er gleicher-weife noch gar weit entfernt von einer befriedigenden Vollendung.Er ahnt viel fchönere Bildwerke, als er üe hervorzubringen vermag;er träumt davon: »Ach wie oft feh’ ich grofse Kunft und gute Dingeim Schlaf, desgleichen mir wachend nicht fürkommt, aber fo ich er-wache, fo verliert mir’s das Gedächtnifs«. Dürer täufcht fich auchnicht darüber, dafs wir zur vollen Erkenntnifs der Wahrheit nie ge-langen, und er fchreibt daher in Bezug auf die Proportionen desMenfchenkörpers; »Aber unmöglich bedünkt es mich, fo einer fpricht,er wil'fe das befte Mafs in menfchliclrer Geftalt anzuzeigen, denn dieLüge ift in unferer Erkenntnifs und die Finfternifs fleckt fo hart inuns, dafs auch unfer Nachtappen fehlt«. Das entmuthigt ihn aberkeineswegs, denn gleich Leffing fieht er in dem Streben nach Wahr-heit einen Titel der Menfchenwürde, und mit Entrüftung weift er denVerzicht darauf zurück: »So wir nun zu dem Allerbeften nichtkommen können, wollen wir nun gar von unferer Lernung laffen?Den viehifchen Gedanken nehmen wir nicht an, denn die Menfchenhaben Arges und Gutes vor fich, darum ziemt es fich einem ver-nünftigen Menfchen das Beffere vorzunehmen« I) 2 ).
Und fühlt er fich auch nicht im Stande, alle Fragen, die er fürdie Zukunft der Kunft für wichtig hält, zu beantworten, fo will er dochzu ihrer Löfung das Seinige beitragen, denn er hofft: »Von denDingen und Künften der Malerei werden annoch Viele fchreiben;
I) Proportionslehre III. fol. T 111 b. I 2) I’roportionsl. III. T II b.
Zahn, Dürers Kunftlehre 84. I