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Dürer : Geschichte seines Lebens und seiner Kunst / Moriz Thausing
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XVII. Krankheit, Tod und fchriftlicher Nachlafs.

viel er auch in der Folge noch darüber nachgedacht und ge-fchrieben hat, er ift darüber doch nicht hinausgekommen. Freilichift damit dem fchaffenden Künftler a priori kein Wink, keineHilfe geboten, fondern blofs eine nachträgliche Erfahrung. DürersGleichnifs ftimmt aber: Die Kunft eines Volkes ift gewachfen, wiefein Recht, und fo wie das Gute, ift auch das Schöne nicht das Ver-ftandesproduct eines Einzelnen, fondern das Ergebnifs einer langenReihe und eines reichen Inbegriffes von wirkenden Kräften, feiendiefelben nun auf viele Individuen vertheilt oder durch glücklicheFügung in einem einzigen Genius vereinigt. Ein folcher war aller-dings Dürer . Doch blieb bei aller feiner Speculation fein künftlerifchesSchaffen ein urfprüngliches und naives; ja feine Unbefangenheit undFreiheit nahm in den fpäteren Jahren eher zu als ab. Sobald erauf das Wefen der künftlerifchen Thätigkeit zu fprechen kömmt, dannweifs er nichts mehr von der Theorie, weder von der Nachahmungder Antike, noch von der Compofition aus Bruchftücken der Natur,nichts von Meffung und Speculation. Nicht mit Hilfe folcher Krücken,fondern in kühnem Wettlaufe mit dem breiten Strome der Naturglaubt er zu einer höheren Flarmonie feines Werkes zu gelangen,indem er fpricht:

»Aber das Leben in der Natur giebt zu erkennen die Wahrheitdiefer D.inge; darum fieh fie fleifsig an, richte dich darnach undgeh nicht von der Natur ab in deinem Gutdünken, dafs du wolleltmeinen, das Beffere von dir felbft zu finden, denn du würdeft ver-führt. Denn wahrhaftig fleckt die Kunft in der Natur; wer fie herauskann reifsen, der hat fie. Ueberkommft du fie, fo wird fie dir viel Fehlsnehmen in deinem Werk. . . . Aber je genauer dein Werk dem Lebengemäfs ift in feiner Geftalt, defto beffer erfcheint dein Werk. Unddies ift wahr; darum nimm dir nimmermehr vor, dafs du etwas beffermögeft oder wolleft machen, als Gott es feiner erfchaffenen Creaturzu wirken Kraft gegeben hat, denn dein Vermögen ift kraftlos gegenGottes Schaffen. Daraus ift befchloffen, dafs kein Menfch aus eigenenSinnen nimmermehr kein fchönes Bild machen könne, es fei denn,dafs er davor! durch vieles Nachbilden fein Gemüth voll gefafst habe;das ift dann (aber) nicht mehr Eigenes genannt, fondern überkommeneund gelernte Kunft geworden, die fich befamet, erwächft und ihresGefchlechtes Früchte bringt. Daraus wird der verfammelte heimlicheSchatz des Herzens offenbar durch das Werk und die neue Creatur,die einer in feinem Herzen fchafft in der Geftalt eines Dinges«. Dasift wohl einer der fchönften Ausfprüche, den je ein Künftler überfeine Thätigkeit gemacht hat, und zwifchen den Zeilen lefen wir