X
Während der Zeit, in welcher sich die Völker auf dem Standpunkte derkünstlerischen Bildung befinden (den unsere Philosophen als überwunden an-sehen), ist die eigentliche Volkserziehung idealistisch, jetzt ist sie von Grundaus das Gegentheil, nämlich realistisch; — die exakten Wissenschaften haben dieLeitung derselben übernommen. Besonders für die werkthätigen Klassen, unddiejenigen, die sich den Künsten widmen, geht der Unterricht planmässig nichtmehr auf die Bildung des Menschen als solchen, sondern auf das unmittelbareErzielen von Fachmenschen hinaus, welches System schon beim frühenSchulunterrichte in Kraft tritt. Dasselbe ist gleichbedeutend mit der grund-sätzlichen Ertödtung eben desjenigen Organs, das bei dem Kunstempfinden, und ingleichem Masse bei dem Kunsthervorbringen, sich bethätigt, ich meine den Sinnund den rein menschlich-idealen Trieb des sich selbst Zweck seiendenSchaffens und die dem Künstler sowie dem Kunstempfänglichen unentbehrlicheGabe unmittelbaren anschauenden Denkens . 1
Zum Glück sind die Realschulen mit ihren Ausläufern, den technischenAnstalten etc., die alle noch nicht langen Bestand haben, noch nicht mit ihreneigenen Grundsätzen im Reinen, und treten die Folgen des Prinzips der reinrealistischen Vorerziehung auf eine Weise hervor, die eine nochmalige Revisiondes Unterrichtswesens in baldige Aussicht stellt. So z. B. müssen die Schülerder technischen Anstalten, wenn sie aus den Realschulen herauskommen, einengrossen Theil ihrer ohnediess unnöthigerweise eng vorgezeichneten Studienzeitauf die Vorwissenschaften verwenden, die ohne hinreichenden Hinweis aufihren unmittelbaren Zusammenhang mit der Spezialität jedes Fach-schülers vorgetragen werden.
Dieser aber, wie er nun einmal, in Folge der Eindrücke, die ihmsystematisch seit frühester Jugend eingeprägt werden, „praktisch“denkt und fühlt, sucht jenen Rapport der Wissenschaft mit seinem Facheschon bei dem ersten Eintritt in ihre Elemente. Vermisst er ihn, so fehlt dasInteresse für den Vortrag, das kein Zwang und keine Examenfurcht zu ersetzenvermag; und gewissermassen ist er dazu berechtigt, ihn zu fordern, weil das Pro-gramm des Unterrichtssystems das Wissen um des Wissens willen nicht zulässt,und desshalb viele Disciplinen (und zwar diejenigen, die am meisten geeignetsind, den Geist zu bilden und auszustatten) auf Grund ihrer vermeintlichen Nieht-anwendbarkeit für die Praxis aus sich ausschliesst.
Ehemals, wie die Künste blühten, wie jeder Handarbeiter in seiner Art einKünstler war oder wenigstens zu sein strebte, wie gleichzeitig der Umschwungdes Geistes nach jeder gedenkbaren Seite und Richtung hin wenigstens eben sothätig war wie jetzt, hatte der (zunächst religiöse) Schulunterricht nichts .mit der
1 Ein Ausdruck Rumohr’s zur Bezeichnung derjenigen unabhängigen Thätigkeitdes Geistes, vermöge welcher, ohne die Vermittlung der Kritik des Verstandes, die volleAuffassung und Insichaufnahme des Schönen und das Schaffen in der Kunst mög-lich wird.