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1 (1878) Die textile Kunst für sich betrachtet und in Beziehung zur Baukunst
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Rubriken und Irrthümern; aber das ordnende und vergleichende Verfahren, welchesbei diesem Streben nöthig wird, um das Verwandte zu gruppiren und das Ab-geleitete auf das Ursprüngliche und Einfache zurückzuführen, wird wenigstens dieUebersicht über ein weites noch meist brachliegendes und andern zur Be-arbeitung vorbehaltenes Feld des Wirkens erleichtern und schon in so fern nichtganz nutzlos bleiben.

Unsere Aufgabe umfasst auch dasjenige, was v. Rumohr passend den Haus-halt der Künste nannte, indem er sich darunter freilich zunächst nur denordnenden und zugleich dienend sich unterordnenden Antheil der Baukunst andem Sichgestalten der Werke hoher Kunst, der Skulptur und der Malerei, dachte.Die Baukunst wird, sowohl in diesem ihrem Verliältniss zu der bildenden Kunstim Allgemeinen, wie auch für sich, ein Hauptgegenstand unserer Betrachtungensein. Aber jene höheren Regionen der Kunst bezeichnen nur die eine äussersteGrenze des zu behandelnden Gebietes, bei dessen Eintritt wir jenen einfacherenWerken der Kunst begegnen, an welchen diese sich am frühesten bethätigte, ichmeine den Schmuck, die Waffen, die Gewebe, die Töpferwerke, den Hausrath,mit einem Wort die Kunstindustrie, oder das, was man auch die technischenKünste nennt . 1 Auch diese sind in unserer Aufgabe, und zwar in erster Linie,enthalten; zunächst weil die ästhetische Nothwendigkeit, um die es sichhandelt, gerade an diesen ältesten und einfachsten Erfindungen des Kunsttriebesam klarsten und fasslichsten hervortritt; zweitens weil sich an ihnen bereits eingewisser Gesetzkodex der praktischen Aesthetik typisch festgestellt und formulirthatte, vor der Erfindung der monumentalen Kunst, die von ihnen, wie gezeigtwerden wird, eine bereits fertige Formensprache entlehnte, und auch in andererganz unmittelbarer Weise ihrem Einflüsse gehorcht; drittens aber und vernehm-lichst, weil jene von der Kunstgelahrtheit so qualificirten Kleinkünste der Einflussunserer gegenwärtigen Volkserziehung und die Tendenz des Jahrhunderts amempfindlichsten trifft, und zur beabsichtigten Hebung des Kunstsinnes im All-gemeinen, und mit ihr der Kunst, nichts mehr noththut als gerade auf dem Ge-biete der technischen Künste diesen Gewalten entgegen zu wirken. Denn es istnicht zu bezweifeln, dass die Kunst, inmitten eines grossartigen Strudels vonVerhältnissen, ihr Steuer, ihren Kurs, und zugleich, was das Schlimmste ist, ihreTriebkraft verloren hat. Hierauf zurückzukommen wird es zwar im Verlaufe derSchrift nicht an Gelegenheit fehlen, doch möge gestattet sein, weil das Voraus-geschickte über die allgemeine Tendenz derselben bereits genügende Auskunftgibt, und der in ihr befolgte Plan in der Einleitung dazu enthalten ist, diesesVorwort mit einigen auf das soeben Angedeutete bezüglichen Betrachtungen zuschliessen.

1 Ein Ausdruck der durch seinen Pleonasmus die Verkehrtheit der modernenKunstzustände, wonach eine weite, den Griechen unbekannte, Kluft die sogenanntenKleinkünste und die ebenfalls sogenannten hohen Künste trennt, treffend genugbezeichnet, wesshalb ich ihn beibehalte.