Buch 
1 (1878) Die textile Kunst für sich betrachtet und in Beziehung zur Baukunst
Entstehung
Seite
XVIII
JPEG-Download
 

XVIII

Bürgschaften für die Ansichten derer, die ihr die Zukunft absprechen, mögen ihreLeistungen an sich auch wohlverstanden und ihre Pläne gut berechnet sein.

Aus umgekehrten Gründen bleibt immer noch der sogenannten klassischenSchule ein stets neues Wirken in Aussicht, denn die Archäologie kann noch soscharf sichten und scharfsinnig spüren, es bleibt immer doch zuletzt dem divina-torischen Künstlersinn alleinig Vorbehalten, aus den verstümmelten Ueberresten derAntike ein Ganzes zu rekonstruiren. Hier bleibt daher die archäologische Kritikhinter jenem im entschiedensten Nachtheil und verliert sie ihre Initiative; dieserNothwendigkeit des Erfmdens aus Mangel an hinreichenden Anhaltspunkten fürservile Restitution, diesem unkritischen Verfahren, ist es zum Theile zuzuschreiben,dass alle Wiedergeburten der antiken Kunst sofort Neues, und niemals so ganzSchlechtes wie jene neugothischen Gebäude aus dem Anfänge dieses Jahrhunderts,zu Wege brachten. Sogar die zierliche kleine Renaissance der Zeit Ludwigs XVI.und die neueste hellenistische, deren Koryphäe Schinkel ist, waren sofort schöpfe-risch; das Entstandene ist bleibendes ruhmvolles Eigenthum der Zeiten, denen esangehört. Die antiken Ueberlieferungen werden aber auch aus ganz andren, vieltiefer liegenden Gründen ihre neu belebende Kraft stets für uns behalten und allesSeltsame und Specifische überdauern, was die bunte Zeit aus ihnen hervorrief. 1Was die Kunstgeschichte betrifft, so wird sie erst dann der Kunst eine wahreFührerin werden, wenn sie aus ihrem gegenwärtigen sondernd kritischen undarchäologischen Standpunkte zu dem der Vergleichung und der Synthesis Übertritt.

Die Puristen, Schematiker und Zukünftler.

Die Philosophie will das Schöne seinem Begriffe nach definirt und scharfin seinen D'nterbegriffen begrenzt haben, sie macht sich zweitens breit mit derZerlegung des Schönen nach seinen Eigenschaften; wenn sie es nun drittens nochzu einer lebendigen Kunstlehre brächte, so wäre der ästhetische Theil ihrer Auf-gabe erfüllt; an die Stelle der in der Kunst herrschend gewordenen Verwirrungund Zersplitterung hätte sie Einheit des Trachtens und Harmonie des Vollbringensgesetzt. Es ist aber mit der Philosophie in ihrer Anwendung auf Kunst wie mitder auf Naturlehre angewandten Mathematik; letztere kann zwar jede gegebene

1 Die Gefahr für die Erhaltung jener Baukunst der Wiedergeburt die, zugleichmit der Malerei und der Bildnerei des Cinquecento, und in gleichem Grade, unüber-troffen dasteht, ohne, wie das Gothische, in sich fertig zu sein, keine Seite zu weitererEntwicklung zu bieten, liegt in der Thatsache, dass sie nur durch wahrhaft künstlerischeHand ausführbar ist, aber durch Pfuscherei, die heutzutage verlangt wird, sofort intrivialste Formengemeinheit ausartet. Dagegen bekennt der sogenannte gothische Stilein Prinzip der Uniformirung im Reichthum, welches den Unterschied des Edlen undGemeinen weniger auffallen lässt; auch ist der Geschmack, der diese Unterschiedewahrnimmt, für diesen Stil, wegen der Neuheit seiner Wiederaufnahme, noch ziemlichunempfänglich.