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Also auch von dieser Seite sieht sich die Kunst isolirt und auf ein ihr be-sonders abgestecktes Feld verwiesen. — Das Gegentheil von vormals, — denn bei
den Alten war auch dieses Gebiet in demselben Reiche gelegen, woselbst diePhilosophie waltete, die selbst Künstlerin war und den andern Künsten als
Führerin diente, aber mit diesen ergreisend zur Scheidekunst ward, und an Stelle
lebensvoller Ana.logieen todte Kategorieen erfand.
Eben so war der gothische Bau die lapidarische Uebertragung der schola stischen Philosophie des XII. und XIII. Jahrhunderts.
Item mit kunstanatomischen Studien ist den Künsten nicht gedient, derenGedeihen davon abhängt, dass beim Volke das Vermögen des ungetheilten, un-mittelbaren Kunstempfindens und die Freude daran wieder erwache.
Bei alledem übt die spekulative Aesthetik einen bedeutenden Einfluss aufunsre Kunstverhältnisse, wie diese einmal sind; zunächst durch die Vermittlungder sogenannten Kenner und Kunstfreunde, die sich durch sie und nach ihr einauf reine Willkür begründetes schematisch-puritanisches Kunstregiment erwarben,das dort, wo es durchzudringen vermochte, eine traurige Verödung der Kunst-formenwelt veranlasste. So zeigt eine gewisse süddeutsche Architekturschule, inder sich die materialistisch-konstruktive Richtung mit dem ästhetischen Puritanismusvereinigt, bei lobenswerthen Erfolgen auf dem Gebiete des Nutzbaues, die Unzu-länglichkeit ihrer Mittel, so wie es »sich um wahre monumentale Kunst handelt.Diese Mittel, um welche moderne Prinzipiensucht sich selbst gebracht hat, sindzum grossen Theile nur irrthümlich als Erfindungen der Perioden des Verfallsder Künste, als absolut geschmackswidrig, oder als antikonstruktiv bezeichnet undunter dieser falschen Anklage verurtheilt worden. Unter ihnen sind in der Thatälteste Ueberlieferungen der Baukunst, welche durchaus der Logik des Bauens,allgemein der des Kunstschaffens, entsprechen, und die ihren symbolischen Werthhaben, der älter als die Geschichte und durch Neues gar nicht ausdrückbar ist.Dieses zu beweisen wird die Schrift selbst mehrfache Gelegenheit bieten.
Eine andre Rückwirkung der spekulativen Philosophie auf die Künste zeigtsich in der ikonographischen Tendenz- und Zukunftskunst, der Jagd nach neuenIdeen, dem Gepränge mit Gedankenfülle, Tiefe und Reichthum der Bedeutungetc. etc.
Dieses Anrufen des nicht künstlerischen Interesses, dieses Tendenzein (demdie Kunstextase und die oft lächerliche Deutesucht von Seiten der Kunstkennerund Archäologen würdig antwortet) sind bezeichnend entweder für die Barbareioder für den Verfall; die Kunst auf ihrer höchsten Erhebung hasst die Exegese,
„stofflichen Interesse mehr Vorschub als gebührlich. Das Was dominirt auch in ihnen„das Wie, das Meinen das Erscheinen. —
„So erinnert die spekulative Aesthetik in manchen Beziehungen an die Natur-philosophie. Wie diese die exakte Forschung, wird jene die empirische Aesthetik zur„Nachfolgerin haben.“
Worte eines Dichters und Kunstkenners.