XXIII
Der Zauber, der durch die Kunst in ihren verschiedensten Arten undManifestationen auf das Gemüth wirkt, so dass dieses gänzlich durch das Kunst-werk eingenommen wird, heisst Schöne, die nicht sowohl Eigenschaft desletztem als vielmehr eine Wirkung ist, bei der die verschiedensten Momenteinnerhalb und ausserhalb des Objektes, dem das Prädikat der Schöne beigelegtwird, gleichzeitig thätig sind.
Diese Momente, wo sie nicht von dem schönen Objekte selbst ausgehen,müssen sich doch in ihm reflektiren, seine besondere Gestaltung bedingen.
Zudem müssen diese Momente aus dem Gesetze der Natur hervorgehenund ihm entsprechen, denn obschon es die Kunst nur mit der Form und demScheine, nicht mit dem Wesen der Dinge zu thun hat, so kann sie dennochnicht anders als nach dem, was die Naturerscheinung sie lehrt, ihre Formschaffen, sei es auch nur durch Befolgung des allgemeinen Gesetzes, welchesdurch alle Pieiche der Natur waltet, indem es hier unentwickelt, dort in aus-gebildeter Form hervortritt. —
Am klarsten und ersichtlichsten tritt diese Analogie zwischen dem all-gemeinen Gestaltungsgesetz in der Natur und in der Kunst, in dem was diespekulative Aesthetik die formellen Elemente des Rein-Schönen nennt, hervor.
Eine Erscheinung kann nur dadurch sich als solche manifestiren, dass siesich abschliesst, dass sie sich als Individuum von dem Allgemeinen lostrennt.
Aber dieses Lostrennen vom Allgemeinen ist nur auf den ersten Stufen derGestaltung ein absolutes, die entwickelteren Formen der Pflanzen und desanimalischen Reiches dagegen sind dadurch ausgezeichnet, dass sich die Be-ziehung zum Allgemeinen, worauf sie wurzeln und fussen, und zum Besonderen,das sich ihnen als objektiver oder subjektiver Gegensatz gegenüberstellt, in ihnengleichsam abspiegelt, dass ihre Gestaltung durch diese Beziehungen bedungen ist.
Da nun zugleich das Prinzip der Individualisirung bei jeder Er-
senkt, die Kunst dagegen dem Gestaltlosen Form gibt und selbst das Wunder in Kunst-werken naturgemäss , ja nothwendig erscheinen lässt. Eben so ist auch des WissensTrieb und der Drang nach Wahrheit eine dritte Form des gleichen Strebens nachVollkommenheit. Aber hier ist das endliche Ziel ein unerreichbares, das Reich desUnbekannten steht zu dem Kreise des Erforschten in einem Gegensatz, der für letztereskeinen formalen Halt und quantitativen Massstab abgibt, welches beides dem Kunst-gebilde, in demjenigen was ausser ihm erscheint, zu Theil wird. Somit bleibt stetsdie Wissenschaft unvollständig und als Form unabgeschlossen; nicht das Wissen, son-dern nur das Streben darnach befriedigt. Dagegen wird in der Kunst das Höchste, solange es ein nicht genügendes Können und unerreichtes Wollen verräth, hinter demBeschränktesten zurücktreten müssen, wenn dieses als das vollständig erreichte Zieleines künstlerischen Strebens der Vollkommenheitsidee, die jedem Werke der Kunstzu Grunde liegt, entspricht. Beide, Religion und Philosophie, verlassen ihr Gebiet,geben sogar ihr eigentliches Wesen auf, indem sie die Kunstform annehmen, welcheVerbindung der drei Manifestationen des geistigen Strebens jedoch die für das künst-lerische Schaffen günstigsten Verhältnisse bietet, was bei den Griechen der Fall war.