Buch 
1 (1878) Die textile Kunst für sich betrachtet und in Beziehung zur Baukunst
Entstehung
Seite
66
JPEG-Download
 

66

Drittes Hauptstück.

denken muss, 1 hinter welcher die Mauern, die in der Phantasie jedegewollte Höhe erreichen mögen, sichtbar bleiben. Was nun auf dieseridealen senkrechten Wandfläche jenseit des Plafonds aufrecht stehendgemalt ist, muss auch so erscheinen, wenn dafür nur seine Projektionauf der (ursprünglich durchsichtig gedachten) Plafondfläche an die Stelletritt. Diese einfache Regel ist zugleich der Ausgangspunkt jener ver-wickelten Kunst, der sogenannten perspective curieuse, die die schwierig-sten architektonischen Kombinationen, verbunden mit reichen Figuren-gruppen, auf jeglicher Deckenfläche kunstgerecht und naturtreu darzustellenweiss. Sie ward seit der Renaissance schon von Bramante , BalthasarPeruzzi und andern Meistern häufig benutzt, später aber von den Jesuiten bis zu höchstem Ungeschmacke gemissbraucht.

Also jeder figürliche Gegenstand, der Kopf und Fuss hat, muss mitden Füssen gleichsam auf dem Gesims der Mauer wurzeln, und diessgilt für alle vier Mauern, sowie für den ganzen Umfang einer geschlos-senen (kreisrunden oder ovalen) Wandfläche. In der Mitte der Deckewürden alle Spitzen oder Köpfe der aufrecht stehenden Figurationenzusammenstossen, wenn durch eine zweckmässige Eintheilung dieses nichtverhindert wird. Gewöhnlich sind gerade in der Mitte des Plafonds oderGewölbes auf dem von allen vier Mauern gleichweit entfernten, mithinneutralen, Gebiete die Hauptmotive der Decke angebracht, deren Richtungdann in gewissen Fällen schwer zu bestimmen ist und nicht selten vonlokalen und zufälligen Verhältnissen abhängt. Bei Räumen von entschie-dener Richtung, wie bei den Hauptschiffen der Kirchen, ordnen sich dieMittelmotive so, dass sie für den Andächtigen, der das Schiff betritt,aufrecht stehen, das heisst, sie sind mit den Köpfen nach der Thür, mit

1 Es ist auffallend, dass wir uns einige, zum Theil der ältesten schriftlichenUeberlieferung angehörige, Beschreibungen gewölbter Decken nicht anders erklärenkönnen, als hätte man sie sich wirklich von Saphir oder vielmehr von durchsichtigemSaphirglase konstruirt gedacht, über welcher durchsichtigen Kuppel Bildwerke aufge-slellt sässen, die durch die Glaskuppel durchschimmerten. Hierüber das Nähere in derUnterabtheilung des Abschnittes über Keramik, die über das Glas handelt. Doch seihier beiläufig an das schon im Buche Hiob vorkommende, einer solchen Glasdeckeentnommene, Bild erinnert: Deus insistens nebula dura ut speculum fusum. So auchsieht Ezechiel den donnernden Gott auf einer tönenden Wolke über den zitterndenKrystallhimmel wegfahren. Moses denkt sich sogar den Himmel aus saphirnen Ziegelngewölbt, als Fussschemel Gottes. Vergleiche damit Philostratus in Vita Apoll . I. p. 33,wo von einem babylonischen Zimmer gesprochen wird, dessen Kuppeldecke das Bilddes Himmels darstelle und aus Saphir gewölbt sei, worüber die Bildnisse der Götteraufgestellt seien, die golden gleichsam aus dem Aether heraus leuchteten.