Textile Kunst. Die Naht.
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Die Griechen, die ihre Kleider heftelten und in der Bllithezeit ihreseigentlichen Hellenenthumes die gestickten Gewänder ihrer asiatischenund thrakischen Nachbarn nur auf der Bühne und als Tracht für Flöten-bläser, Kitharöden, Tänzerinnen und Hetären kannten, für sich aber alsbarbarischen Schmuck verschmähten, vermieden sorgfältig jeden horizon-talen , den Körper oder Theile desselben der Quere nach durchschnei-denden, d. h. ringförmig umgebenden Kleideransatz, und es fällt nichtschwer, den Nachweis zu liefern, dass dieses aus richtigem Stilgefühleunterblieb, so auch, dass Moden und Trachten, die gegen das ausge-sprochene Prinzip verstossen, wie z. B. die Sitte des Anhefteins des Hautde Chausse an das Pourpoint und das Herausziehen des Hemdes durchdie breiten offenen Schlitze zwischen beiden Oberkleidern (eine Mode dessiebzehnten Jahrhunderts, die aus Holland herrührt) vor der Kritik desguten Geschmackes nicht bestehen können. Das Gleiche gilt von denunpassend angebrachten, die Proportionen des Unterkörpers und der Beinevernichtenden Falbelnähten unserer Damen.
Dasselbe Gesetz der Aesthetik, wonach jede Gewandstückelung derproportionalen Entwicklung zu folgen, nicht sie zu durchschneiden hat,verbietet zugleich die Theilung der Flaggen und Fahnen in vertikale,buntabwechselnde Lappen, deren Ungeschmack schon früher gerügtworden ist. In diesem Beispiele zeigt sich das Stilgesetz zugleich alspraktisch und materiell zweckgemäss, weil der Wind dergleichen vertikaleVerbindungen sehr leicht trennt.
Ganz anders, wie gesagt, verhält es sich mit den Band- und Ring-zierden, die ihrer Natur nach proportionalisch, nicht symmetrisch sind,und den Gesetzen der Proportionalität gemäss geordnet werden. Siesind nicht Theile der Bekleidung, noch stehen sie mit diesen Theilenals Zwischenglieder in irgendwelcher Beziehung, sondern sie sind ineinigen Fällen Zwischenglieder zwischen dem Kleide als Ganzes unddem Bekleideten, die Verbindungsmomente beider, wie z. B. der Gürtel,die schöne Ringzierde des Leibes, das faltige Gewand als Ganzes an denKörper befestigt. In andern Fällen sind sie gänzlich unabhängig vonder Bekleidung und dienen als reine Symbole einer proportionalen Glie-derung. (Vergleiche hierüber was in der Vorrede über die Bedingungendes formell Schönen und den Schmuck gesagt worden ist, wie auch denAufsatz über die formelle Gesetzmässigkeit des Schmuckes und dessenBedeutung als Kunstaymbol von G. Semper. Zürich 1856.)