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1 (1878) Die textile Kunst für sich betrachtet und in Beziehung zur Baukunst
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Viertes Hauptstück.

für ein beliebiges Muster in diesem Stoff gewählt wird,in der Regel ein positives, warmes sein müsse, dass es ingesättigten vollen und gehaltenen Farbentönen sich zubewegen habe. Selbst die auf den Wandbildern dargestellten Zeugeder Aegypter lassen sich dadurch leicht in Beziehung auf ihren Stoffunterscheiden und erkennen, dass die Wollenstoffe unfehlbar immer mittieferen, volleren und wärmeren Farben kolorirt erscheinen, die Linnen-und Baumwollenstoffe dagegen sich durch helle Färbung und kälteresKolorit, in welchen das Blau, das Grün und das Violett vorwiegt, cha-rakterisiren.

Das Weitere darüber und Anderes über die orientalische alte undneue Polychromie in dem Folgenden.

Der Norden und Westen Europas producirte schon zur klassischenZeit des Alterthums mancherlei textile Produkte aus Wolle, die alsHandelsartikel auf die Märkte des Südens kamen und sehr geschätztwurden. Die Kelten und Iberier lieferten die glatten, bombassinartigen,gewürfelten Plaids, das nördliche Gallien , Deutschland und Skandinavien producirten den Zottelsammt und andere den Pelz nachahmende odergefilzte Wollenzeuge (gausape, villosa ventralia, amphimalla), den Fries(Togae erebrae papaveratae) und den Kamelott. Karl der Grosse beschenktejährlich seine Leute mit Friesmänteln, die fortwährend auch im AusländeWerth behielten, so dass sie an die orientalischen Höfe als kostbareGaben verehrt wurden.

Bei den Sachsen und Skandinaviern war das Wadmal, das grobe,hausgemachte Wollenzeug, das gewöhnlichste Tauschmittel und dientestatt des Geldes. Man unterschied verschiedene Sorten, gewöhnliche undfeinere, darunter auch gestreifte Stoffe. Sehr stark und dick war derLoden, dem ähnlich, wovon Plinius sagt, dass es dem Eisen und selbstdem Feuer Widerstand leiste. Er diente geradezu als Rüstung und wenneiner im Ringkampfe in das Feuer der Halle fiel, so schützte ihn derLodenrock vor Brandwunden. Noch derber war der Flockenzeug oderder Filz. Die Strickwolle wurde in diesen baltischen und Nordseeländernseit frühesten Zeiten zum Stricken der meistens blauen grossen Strümpfeoder Hasen (Hosen), der gemeinen Tracht für Frauen und Männer, be-nützt. (S. Altnordisches Leben von Dr. K. Weinhold. Berlin , 1856.)

Seit dem X. Jahrhunderte wurden die deutschen Wollenmanu-fakturen berühmt und lieferten die Modestoffe. Von Deutschland auszog sich die feinere Wollenweberei mehr nach Flandern und wurde durchden Schutz, den ihr Balduin III. zu Theil werden liess, besonders gepflegt.