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1 (1878) Die textile Kunst für sich betrachtet und in Beziehung zur Baukunst
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Textile Kunst. Stoffe. Seide.

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baumes und die Fabrikation der Seidenstoffe bei den Chinesen bis in dasXXVI. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung aus Urkunden nachweislich.

bereits notirten Bücher nachzusehen, unter denen für den mehr künstlerischen Theildieses Studiums das gleichfalls schon angeführte, noch nicht vollständig erschienene,Werk des Herrn F. Bock gewiss verdient hervorgehoben zu werden. Man darf dieEntwicklungsgeschichte der Seidenmanufaktur auf dem westlichen Theile der altenWelt in fünf Hauptperioden eintheilen, nämlich die lateinische, die persisch-byzantinische,die sarazenisch-romantische, die gothische und zuletzt die Renaissance-Periode.

Jene erstere, die lateinische nämlich, berührt die Grenzen des Heidenthums undmag bis in das VII. und VIII. Jahrhundert hinab für einzelne Erscheinungen ausge-dehnt werden. Die Stoffe dieser Periode waren leicht, und erinnerten weit mehr anindische Vorbilder, denn an den Stil, der seit Urzeiten in Westasien (Assyrien , Persien ,Phrygien , Phönizien etc.) seinen Sitz hatte.

Die zweite Stilperiode reicht bis zu den Zeiten der Hohenstaufen und grenzt mitder ersten in ihren Anfängen unbestimmt ab.

Die Stoffe dieser Periode waren sehr schwer und dicht gewebt und im Anfängederselben meist ungemustert. Die persischen Thierdessins, zweifarbig und später inGold gewebt, verbunden mit quadratischen, polygonen, kreisförmigen, gekreuzten,gestreiften und sonstigen geometrischen Mustern, herrschen vor. Die üblichen Farbensind Gelb, Roth, Purpur und Grau in allen Nüancen. Die Stickerei findet in dieserPeriode, vorzüglich im VIII. und IX. Jahrhundert, eine grossartige Anwendung. DerDamast- und Brokatstil fängt an, sich aus dem babylonischen Schwulst, der sich umdiese Periode herum über Europa verbreitet hatte, zu entwickeln. Der Stil der litur-gischen Gewänder folgt im Schnitte gleichfalls asiatischen Traditionen. Die Städte desOrients, vorzüglich Persiens , Alexandrien und später Konstantinopel , sind die Haupt-fabrikorte dieser Stoffe. Doch ist es sicher, dass bereits im X, Jahrhundert in Frank­ reich die Seidenweberei in Klöstern und wenig später auch in den Städten getriebenwurde.

Die dritte, die sarazenisch-romantische Periode wird mit der Einführung der Seiden-wurmzucht in Sicilien und der Errichtung einer königl. privil. Seidenmanufaktur inPalermo (um 1152 herum) begonnen und bis in die Zeiten des Kaisers Karl IV. (1347)fortgeführt. Höhenpunkt der arabisch-maurischen Stoffmanufaktur. GrössterUmfang derSeidenfabrikation in Persien , Klein-Asien , Aegypten und Nordafrika . Blüthe der Seiden-industrie auf der spanischen Halbinsel unter dem Sultan Aben-Alhamar. FabrikstädteAlmeria , Granada , Lissabon . Leichtere Dessins, die Thiermuster nicht mehr vereinzeltund vorherrschend, sondern in Verbindung mit Laubwerk und rein dekorativ. Arabeske,Spruchbänder, vielfarbige Stoffe, Goldstoffe, leichte und zarte Gewebe, höchste technischeVollkommenheit, Atlas und Sammtstoffe.

Die Manufakturen in Lucca , Florenz , Mailand , Genua , Venedig etc. entstehen alsRivalinnen Palermos und selbst des Ostens. Nachahmung orientalischer Stoffe imTechnischen und in den Mustern.

Die vierte Periode ist die gothische, bis ungefähr zur Mitte des XVI. Jahrhunderts.Zwei verschiedene Richtungen in den figurirten Stoffen. Die eine (Rückkehr zu demfalschen Prinzipe des Musterns durch die Vervielfältigung historisch-figürlicher Gegen-stände auf Stoffen und Vorhängen mit Hülfe des Webstuhls; Stoffe mit eingewirkten