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Viertes Hauptstück.
Doch lässt sich nicht läugnen, dass die Seide einer gewissenceremoniös-feierlichen und tendenziösen Richtung der darstellenden Künste(die bei aller vollendeten Technik, wo immer sie sich zeigt, der freierenRichtung gegenüber doch stets eine gebundene bleibt) die Hand hot, unddass in diesem Sinne auch in der Plastik die Jahrhunderte des Mittel-alters Grossartiges und Schönes hervorbrachten.
Ein Beispiel edler Auffassung der Seidendraperie (doch schon mehrim Geiste der Renaissance) ist das schöne Bronzebild Kaisers Ludwig desBayern von unbekannter Meisterhand im XV. Jahrhundert geschaffenund von Herrn v. Hefner in geschmackvoller Darstellung veröffentlicht.Noch grösser erscheint der Faltenwurf auf der Seite 159 abgebildetenbronzenen gravirten Denkplatte der Eheleute Copman, die bereits imJahre 1387 mit wunderbarer Kunst ausgeführt wurde und jetzt die Wandeiner der Seitenkapellen der Kathedrale von Brügge ziert.
Es Hesse sich noch manche andere technisch-ästhetische Bemerkungüber den in Rede stehenden prachtvollen Stoff hinzufügen, müssten wirnicht im Auge behalten, dass wir die Kleinkünste nur in ihren näherenund entfernteren Beziehungen zu den hohen Künsten und vornehmlichzu der Baukunst berücksichtigen dürfen.
§• 46.
Sammt.
Den Gegensatz zum Atlas bildet der Sammt und doch ist er zu-gleich mit jenem ein glückliches Resultat wohlverstandener technischerAusbeutung der Eigenthümlichkeiten des in Rede stehenden Faserstoffs,der Seide nämlich.
So wie die Seidenfäden, der Länge nach betrachtet, das glänzendsteGespinnst (mit Ausschluss der Metallfäden) sind, ebenso absolut glanzlos,d. h. lichtabsorbirend oder vielmehr die Theilung der Lichtstrahlen inaufgenommenes und reflektirtes Licht verhindernd, ist eine Oberfläche,die dadurch gebildet wird, dass unendlich viele querdurchschnittene Seiden-fäden aufrecht nebeneinander stehen, wie dieses beim kurzgeschorenenSammt der Fall ist.
Im Anfänge, bei der ersten Entstehung sammtähnlicher Fabrikate,scheint man diese liehtabsorbirende Eigenschaft der Durchschnittsflächender Seidenfäden noch nicht als Moment eines besonderen Seidenstoffstileserkannt und benützt zu haben, vielmehr bezweckte man Aehnliches wie