Textile Kunst. Prozesse. Färben.
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Die leichtere Kunst des Kanevasstickens ist hei unseren Damen(namentlich für Wollstickerei) die gewöhnlichste und beliebteste. Wasdie zuerst genannte Stickerei charakterisirt, ist für diese letztere stillos,aber eben desshalb verfällt unser verschrobener Geschmack auf die Dar-stellung der abenteuerlichsten Naturnachahmungen in freiester Anordnungmit wild naturalistischer Auffassung gerade hei einer Technik, die dasGegentheil von allem diesem will. Es wäre vergeblich, darüber sich zuereifern, die Stickmusterzeichnung ist einmal in schlechten Händen undschwerlich würde ein echter Künstler heutzutage sein Glück machen,der, wie jener alte wackere Kupferstecher Siebmaclier, ein wahresMusterbuch für Strameistickerei herausgäbe. 1 — Doch gehörte dieserMeister, so wie seine Kollegen Altdorfer, Aldegrever, Pens, Beham, Vir-gilius Solis, Theodor de Bry, Jean Collaert, Etienne de Laulne genanntStephanus, Peter Woeiriot und die anderen petits maitres schon einerZeit an, in welcher die ausübenden Techniker nicht mehr wie frühersich selbst ihre Kompositionen erfanden, wie schon die Kunst sich vomHandwerke zu trennen anfing. Vor dieser Trennung waren auch unsereAeltermütter zwar keine Mitglieder der Akademie der schönen Künste noch Albumsainmlerinnen noch hörten sie ästhetische Vorträge, aber siewussten sich selber Rath, handelte sich’s um die Zeichnung zu einerStickerei. Hier sitzt der Knoten.
§• 58 .
Das Färben, Drucken etc.
Das Beitzen und Färben der Haut gehört zu der merkwürdigenGruppe von Erfindungen, deren Mutter nicht die Noth, sondern die reineLust ist und die zu den allerfrühesten gehören, weil gleichsam der In-stinkt der Freude sie dem Menschen einblies. Die Lust an der Farbeist früher entwickelt als die Lust an der Form; selbst das niedrig organi-sirte Insekt freut sich am Sonnenglanz, an der Flamme und an den Kin-dern des Lichts, den glänzenden Blumen des Feldes.
Die einfachsten Färbestoffe, d. h. diejenigen, die am nächsten zurHand liegen, sind die Pflanzensäfte; auch sah der Naturmensch nirgend
1 Siebmachers Kompositionen sind zum Theil in Reynards Reproduktionen derKleinmeister wiedergegeben. Sie sollte ein Modejournalist benützen oder noch besserkopiren und seinen Abonnentinnen statt der schlechten Sachen, die man letztem jetztbietet, vorlegen.