Textile Kunst. Das Prinzip der Bekleidung in der Baukunst. 215
deren praktisches Interesse für die Geschichte der Kunst zweifelhaft seinmag, es fragt sich nun, was aus unserem Bekleidungsprinzipe wurde,nachdem das Mysterium der Transfiguration des an sich ganz materiellenstruktiv-technischen Vorwurfs, den die Behausung bot, in die monumentaleForm vollendet war und die eigentliche Baukunst daraus hervorging.Es ist hier noch nicht der Ort, auf das Wie des Entstehens monumen-taler Architektur, eine Frage von höchster Wichtigkeit, tiefer einzugehen;jedoch kann es dazu dienen, manche Erscheinungen der ältesten Monu-mentalgeschichte, auf die ich sogleich kommen werde, leichter verständlichzu machen, indem ich hier vorläufig darauf hinweise, wie der Wille, irgendeinen feierlichen Akt, eine Relligio, ein welthistorisches Ereigniss, eineHaupt- und Staatsaktion, kommemorativ zu verewigen, noch immer dieäussere Veranlassung zu monumentalen Unternehmungen gibt, und wienichts im Wege liegt, anzunehmen, wie es sogar unzweifelhaft fest steht,dass auf ganz analoge Weise den ersten Begründern einer monumentalenKunst, die immer eine bereits vorhergegangene verhältnissmässig hoheKultur und sogar Luxus voraussetzt, der Gedanke daran durch ähnlicheFestfeiern gekommen sei. Der Festap p aratus, das improvisirteGerüst (mit allem Gepränge und Beiwerke, welches den Anlass derFeier näher bezeichnet und die Verherrlichung des Festes erhöht,geschmückt und ausgestattet, mit Teppichen verhangen, mit Reisern undBlumen bekleidet, mit Festons und Kränzen, flatternden Bändern undTrophäen geziert), ist das Motiv des bleibenden Denkmals, welchesden feierlichen Akt und das Ereigniss, das in ihm gefestet ward, denkommenden Generationen fortverkünden soll. So ist der ägyptischeTempel aus dem Motive des improvisirten Wallfahrtsmarktes entstanden,der gewiss sehr häufig noch in später Zeit in ganz ähnlicher Weise ausPfählen und Zeltdecken zusammengeschlagen wurde, wo irgend ein Lokal-gott, dem noch kein fester Tempel erbaut war, in den Geruch besondererWunderthätigkeit kam und die wallfahrenden Fellahs Altägyptens inunerwartet zahlreichen Zügen zu seinem Feste herbeilockte. (Siehe imzweiten Theile: Aegypten .) So sind, um ein anderes Beispiel zur Er-läuterung des Gesagten anzuführen, jene bekannten lykischen Grabmäler,deren zwei jetzt in dem brittischen Museum aufgestellt sind, jene sonder-baren Holzgerüste in Stein ausgeführt, zwischen den Balken mit bemaltenRelieftafeln verziert und als Oberstock oder Aufsatz ein, gleichfalls reichskulpirtes, mit ausladenden Höckern, einem spitzbogigen Dache und krö-nender Krista ausgezeichnetes, sarkophagähnliches Monument tragend, sosind, sage ich, diese angeblichen Nachbildungen eines eigenen lykischen