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Viertes Hauptstück.
In der That war die statuarische Plastik eine uralte gräko-italischeUeberlieferung, in welcher die Hetrusker excellirten, durch welche dasalte Rom geschmückt war, die in Athen und Korinth seit ältesten Zeitenblühte; dennoch steht fest, dass sie mehr von der Toreutik annahm,als die gesammte hohe statuarische Kunst von ihr; dennalle plastischen Werke des Alterthums sind nach dem uralt asiatischenInkrustirungsverfahren mit Stuck und Farben überzogen , 1 wovon sie denKern bilden, ganz so wie bei den ältesten empaistischen Werken derMetallmantel einen Kern von Holz oder ungebranntem Thone umgibt;dagegen wissen wir nur von einem indirekten Einflüsse, den die Plastikauf die hohe statuarische Kunst in anderen Stoffen übte, indem sie dieModelle lieferte, wonach gearbeitet wurde, und zwar war diess ein Ge-brauch, der erst nach der Zeit der grössten Entwicklung hellenischerBildnerei allgemein wurde, wenn anders den oft unkritischen Nachrichtendes Plinius zu trauen ist, der Lysistratus, des Lysippus Schwager, alsden ersten nennt, der den Gebrauch der Thonmodelle in Aufnahmegebracht habe. Früher diente das Wachs zu Modellen, die für Statuenin Holz, Stein und dergl. im Kleinen ausgeführt wurden, um darnachin’s Grosse zu übertragen. Auf ähnliche Weise mag der Kern der ele-phantinen Statuen nach kleinen Modellen ausgeführt und sodann mitdünner Wachskruste überzogen worden sein, worauf modellirt wurde unddie, in Stücken abgelöst, bei der Bearbeitung des Elfenbeins zum Modelldiente. 2 Bei Metallgüssen musste diese Schale von Wachs, nachdem dieForm darüber vollendet war, herausgeschmolzen werden.
Dieser flüchtige Ausflug in die Stilgeschichte der Bildnerei, überdie bei geeigneten Gelegenheiten Spezielleres zu geben ist, sollte hier,wie vorherbemerkt worden, nur dazu dienen, ein Beispiel des Hindurch-führens eines Kunstmotives durch verschiedene Stoffe und Behandlungs-weisen hindurch zu gewähren; zugleich lässt er uns auch die Schwierig-keiten erkennen, die sich darbieten, wenn man die Einflüsse, welche eineTechnik auf die andere übt, zu bezeichnen und sie nach ihrer wahrenOrdnung zu nehmen versucht. Wie wir sehen, ist das Verhalten derThonbildnerei zu den übrigen Zweigen der statuarischen Kunst der Altendurchaus problematisch, und der Rang, den sie unter ihnen in stil-geschichtlicher Beziehung einnimmt, nichts weniger als sicher gestellt.
2 Quatremere de Quincy will das Modell der chryselephantinen Kolosse vorherfertig haben (Jupiter Olympien, S. 397). Ich aber halte die andere Methode für leichterund natürlicher. Die Nachrichten der Alten lassen darüber im Dunkeln.