241
deren älteste vorhandene Spuren übrigens nachweislich nicht viel überden Anfang unserer Zeitrechnung hinausreichen. Nach diesem müsstedas Erwähnen der Hindubaukunst an dieser Stelle verfrüht erscheinen,liesse es sich nicht bis zur Evidenz nachweisen, dass uns in ihr das raf-finirte Ende einer Kunstphasis entgegendämmert, die weit über unserengeschichtlichen Horizont hinausreicht und vielleicht um viele Jahrtausendejenseit der ersten Anfänge und dunklen Erinnerungen unserer jetzigenCivilisation liegt. '
Schon die ältesten sanskritischen Bücher vergegenwärtigen uns denStil der Hindukunst als einen äusserst zusammengesetzten und formen-reichen. — Das Holz, der Backstein, die Steinquader, das Metall undvor allem der Stuckmörtel kamen abwechselnd und gemeinschaftlich beimBauen in Anwendung, und jeder von diesen Stoffen hatte durch seinetechnischen Sondereigenschaften schon damals den Stil der Kunst aufdas Mannigfaltigste beeinflusst und ihm den Charakter der Ueberladenheitertheilt, der ihn auszeichnet. Die Begleiter Alexanders berichten voneinem sehr raffinirten Holzbaue, den sie bei den Völkern des Pentschabvorfanden, der Ziegelbau verbunden mit der Quaderkonstruktion zeigtsich an den Ueberresten der ältesten Stupas und während die Technikin beiden Konstruktionsweisen (des Holz- und Steinbaues) weit vorge-schritten war, sehen wir gleichzeitig den berühmten Grotten- und Mono-lithenbau noch gar nicht existirend, da uns dieselben Gegenden als nn-wirthbare Einöden geschildert werden, welche jetzt die Wunder jenerGrottenbaukunst und die monolithen Tempel enthalten.
Die ältesten Grottenanlagen, von denen wir Kunde haben und diesich bei Gaya 1 noch erhielten, sind ganz einfache Exkavationen desFelsens oder Erweiterungen natürlicher Höhlen. Sie stammen aus Azoka’sZeit (III. Jahrh. vor Christus) und wo sich an einigen Stellen Skulp-turen zeigen, dort sind sie die späteren nach der Vertreibung der Buddha-sekte ausgeführten Werke der Braminen, so dass die noch immer vonEinzelnen festgehaltene Chimäre von dem Ursprünge der Hindukunstaus dem Grottenbau, an sich und aus Stilgründen unhaltbar, auch histo-risch widerlegt ist.
Dieser beinahe beseitigten irrigen Ansicht stellt sich neuerdingseine andere zur Seite, wonach die Steinskulptur gleichsam der Aus-gangspunkt der indischen Kunst sein soll, die sich aber nicht zuerst anGrotten, sondern an Felsen (Monolithen) oder künstlich aus Quadern
i Vergl. Journal of the Asiat. Soc. ol Bengale. XVI. p. 275.Semper, Stil. I.
10