Buch 
1 (1878) Die textile Kunst für sich betrachtet und in Beziehung zur Baukunst
Entstehung
Seite
281
JPEG-Download
 

Textile Kunst. Tapezierwesen der Alten.

281

ihrer Gegenwart sofort verrathen. Die zu lösende Aufgabe bestand darin,den fehlenden Nexus der von allen Seiten her zusammengetragenen Stückemit der Umgebung und unter sich durch ein architektonisches Motiv zuvermitteln, und sie führte so zu einem ganz neuen Dekorationsstile, dervon jenem älteren Draperiestile sich wesentlich unterscheidet, ohne jedochdem Prinzipe nach ihm entgegenzustehen. Man kann den spätrömischenInkrustationsstil, das Bekleiden der bereits fertigen Ordonnanzen derArchitektur mit vorgestellten Wandflächen, in welche Bildertafeln einge-schlossen sind und vor denen die Statuen und sonstigen Kunstschätzeeinen ruhigen Hintergrund finden, der daraus hervorging, eine Super-fötation des uralten Bekleidungsprinzipes nennen. Es ist nicht alleinauf diesem dekorativen Gebiete, dass sich in der Geschichte der Baukunstdie Superfötation, die IJeberwucherung eines fruchtbaren Motives, offen-bart, wir werden ihr noch öfter begegnen.

Dieses üppige Motiv, zuerst aus der Ueberfiille zusammengetragenerKunstgegenstände, die architektonisch unterzubringen waren, in gewissemSinne naturgemäss entstanden, wurde dann, wie die Quelle fremden Reich-thums anfing zu versiegen, die ohnediess nur wenigen Mächtigen zufloss,wiederum im Ganzen von der Dekorationsmalerei als Sujet aufgenommenund in phantastischer Weise mit allen Freiheiten, welche die von derWirklichkeit emancipirte Kunst des dekorirenden Architekten sich nahm,bei der Ausstattung der äusseren und inneren Wände durchgeführt. Soentstanden jene Wandmalereien des kaiserlichen Roms, gegen welchePlinius und Vitruv 1 mit etwas beschränkter Geschmaekspuristik so ge-waltig entrüstet sind, die uns aber im höchsten Grade interessiren, weilsie uns gleichsam die letzte Metamorphose des antiken Bekleidungs-prinzipes in eine architektonische Ordonnanz vor Augen stellen, so dasswir noch öfter auf sie zuriickkommen werden.

Ein nicht unwichtiger Gegenstand bleibt noch zu erwähnen, derzusammen mit dem Vorhergehenden geeignet ist, das für unser ThemaInteressante, welches die Ueberreste ehaldäischer, assyrischer und persi-sischer Baukuxist bieten, deutlicher hervortreten zu lassen. Ich meinegewisse, leichte, temporäi'e Festbauten, wie Pi’achtzelte, provisorischeHallen, Scheiterhaufen und dergleichen Anlagen, die meistens mit fest-lichen Anordnungen wie die vorher bespi’ochenen gleichzeitig und aus

1 Beide genannte Schriftsteller, soxvie Seneca , Petron und die Zeitgenossen, dieüher den Verfall der Malerei ihrer Zeit Klage führen, sind immer noch nicht richtigverstanden, in dem nämlich, was den eigentlichen Gegenstand ihrer Klage bildet.