Buch 
1 (1878) Die textile Kunst für sich betrachtet und in Beziehung zur Baukunst
Entstehung
Seite
404
JPEG-Download
 

404

Viertes Hauptstück.

mit einem in Holz lconstruirten Gebälke (d. h. mit einer aus dem Felsengehauenen Nachahmung desselben) in Verbindung steht.

Doch wenden wir uns zunächst zu anderen mehr oder weniger fos-silen Ueberresten von Menschenwerk, die, nicht minder charakteristischals jene, und von ihnen grundverschieden, der Boden Kleinasiens aufweist.

Auch der dorische Stil hat hier seine gleichsam vorweltlichenRepräsentanten, die, gleich jenen ionischen, vor allem Frühesten, was aufeigentlich hellenischem Boden den gleichen Stil verräth, die untrüglichstenKennzeichen grösserer Ursprünglichkeit voraus haben. Wenigstens einsolches Exemplar ist bereits entdeckt worden, welches dieses Vorrechthöchster Stilursprünglichkeit unzweifelhaft besitzt, mit dem desshalb ineinem architektonologischen Museum die Rubrik „Dorischer Stil “ zueröffnen, das daher hervorzuheben und bestens zu beleuchten ist. Stattdessen aber fertigt das neueste und verbreitetste deutsche Handbuch derArchitekturgeschichte diesen Ueberrest mit dreiundzwanzig Zeilen ab.Zwar rechtfertigt der Verfasser des gedachten Werks dieses Obenhin-behandeln mit der, wie ihm scheint, willkürlichen Restitution, welche derEntdecker dieses Monuments, Herr Texier, damit vorgenommen habe;aber wäre letztere auch noch so verbürgt, so würde dennoch Derartigesnur als Curiosum und als Monstrum in das einmal etablirte System unsererKunstphysiologen unterzubringen sein, welcher Ausweg somit gewähltwird. Wer sich aber um das genannte System nicht bekümmert, hatein Recht, die Sache wichtiger zu nehmen und jenen merkwürdigen dori-schen Architrav des Tempels der Akropolis von Assos an deräolischen Küste Kleinasiens mit seinen alterthümlichen Skulpturen alsHandhabe oder als Stützpunkt zu wählen, der ihm einen tüchtigen Sprungaufwärts, dem Endziele näher, erleichtern soll.

Beides, sowohl die Stelle, woselbst diese Skulpturen angebrachtsind, wie letztere selbst, ihr Charakter und was sie darstellen, sind höchstbefremdlich. Sprechen wir zuerst von der merkwürdigen friesartigen Be-handlung eines Baugliedes, das sich durch sein Stirnband und daruntervertheilte triglyphenvorbereitende (allerdings tropfenlose) Platten unzweifel-haft als dorisches Epistylion kundgibt. Kugler 1 hört hier eine „Remi-niscenz ägyptischer Behandlungsweise nachklingen“, wobei ihm wahr-scheinlich die Skulpturen der ägyptischen Epistylien vor den Sinnenschweben, die aber gerade an dieser Stelle in Dimensionen und Charakterdie Grenzen der Schrift auf das Strengste innehalten und niemals in das

1 Geschichte der Baukunst, S. 186.