Textile Kunst. Schlussbemerkungen.
481
„Hittorff-Semper richtend, beiden Parteien Unrecht und Recht gebend“; 1 was Kuglernsehr fatal ist, der, obschon selbst Partei, zugleich auch alleiniger Richter des Prozessesbleiben will, über den er so sehr naiv die Akten für geschlossen erklärt. —
„Aus fertigen Bausteinen bauen sich manchmal recht hübsche Throne auf“ —meint Kugler am Schlüsse seiner Notiz 2 über diese Schrift Hettners. — Kugler freilichbrauchte sich den Thron, auf dem er in dieser Sache richtet, nicht erst zu bauen,denn er war schon vor ihm fertig; — wenigstens sein Vorbild, sein weissscheckigesArchetyp; — nämlich jener von Klenze restaurirte äginetische Tempel in der Glyptothek zu München , zu dem der Katalog bemerkt: „Man sei in dieser bemalten Reliefdarstellung„so gewissenhaft gewesen, dass selbst dann nichts dem aus den Ruinen sicher zu„Beweisenden hinzugefügt worden sei, wenn das unleugbare Erforderniss zur Harmonie„des Ganzen einen Zusatz erfordert hätte.“ — Man gab nur Farben an, wo sichereSpuren derselben sich fanden, das übrige liess man weiss; — das Weiss ist also andiesem Modelle des Tempels in der klar ausgesprochenen Absicht des ArchitektenKlenze ein Gedankenstrich, eine unausgefüllte Stelle! — Und auf diesem unfertigenMünchner Tempel thront nun Kugler seit länger als zwanzig Jahren und sprichtEntscheid von ihm herab wie Salomo ! Aber was gab ihm mehr Recht dazu, alsHettner es hat, und wodurch unterscheidet sich sein Urtheil von dem Hettners? HatteKugler, wiff Hettner diess von sich sagen darf, nur einen Fuss auf klassischen Bodengesetzt, ehe er es von sich gab? Ist Kuglers System der Polychromie etwas anderesals „ein Unrechtgeben und Rechtgeben nach beiden Seiten“, ein Kompromiss zwischender farbescheuen Aesthetik der Vergangenheit und meiner auf lange Studien an denMonumenten Attika’s begründeten polychromen Restauration der griechischen Tempelaus perikleischer Zeit?
Ein Kugler’sches, oberhalb massenhaft dunkelfarbiges und buntes, unten blen-dend weisses Monument, sowie ganz weisse Marmorfiguren, die sich auf blauem oderrothem Grunde abheben, mit gemalten Haaren, Lippen, Augäpfeln, Augenwimpern, Augen-brauen, Brustwarzen, und mit einer Fülle farbigen und goldenen Kleiderschmuckes,können Künstler nicht wohl begreifen, sie behaupten, man habe zu vieles oder nochnicht genug zugestanden; — ein weisser Tempel mit bereits eingeräumten, kräftigenund massenhaften Färbungen oben, und nur oben, sei undenkbar, wogegen ein nachalter akademischer Vorstellung ganz weisser Säulenbau, etwa mit leichten goldenenRiemen und Bändchen umrändert und umsäumt, die Bedingungen einer Art vonLebensfähigkeit als Kunstschöpfung in sich trage. Mit Marmorstatuen verhalte es sichganz ähnlich. — So sprechen die Künstler, — doch weiss ich, wie geringe Berück-sichtigung in unserer Zeit, die matters of fact haben will, die ästhetischen Nothwendig-keiten beanspruchen können; 3 ich lasse sie daher auf sich beruhen, habe aber dafürum so besseren Grund, mit der gegnerischen Partei über die kategorische Weise zurechten, womit sie über die übereinstimmenden thatsächlichen Beobachtungen allerArchitekten, die sich seit 1820 unter Anstrengungen, Entbehrungen und selbst unterGefahren aller Art mit dem Studium der attischen Monumente beschäftigten, abspricht,ohne sich doch im Geringsten selbst an derartigen Arbeiten ernsthafter betheiligt zu
1 Grieeh. Reiseskizzen von Hermann Hettner. Braunschweig 1858. S. 187.
2 In Kuglers kleinen Schriften, I. B„ Seite 361.
3 Der französische Aesthetiker Beule spricht geradezu aus, Geschmacksgründeseien bei der Beantwortung dieser Frage unzulässig.
Semper, Stil. I.
31