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I. Einleitung.
Leben, als auf hoher See; an der Mündung der Flüsse leben andere Thiere, als am kahlen Strande;am ruhigen Ufer bilden sich andere Gesteine als im Delta der Ströme; nahe dem Lande werdenandere Materialien abgelagert als in der Tiefe des Meeres; und wiederum wachsen auf sandigemBoden andere Pflanzen, gedeihen andere Thiere, als im Thonschlamme oder in kalkreichem Wasser;das Süsswasser bevölkert eine andere Fauna, als die salzige See. Aus solchen Beobachtungen, wiesie Lyell in Fülle gesammelt hat, können wir Rückschlüsse machen auf frühere Zeiten: auch in denvergangenen Epochen war der Organismus abhängig vom Element, von den äusseren Bedingungenseiner Existenz. Daher haben wir, gerade wie in der Geographie der lebenden Thiere und Pflanzen,auch in den geologischen Formationen stets die Faciesunterschiede zu beachten.
Gressly, welcher wohl zuerst von einer „Facies “ sprach, gebrauchte diesen Begriff nur impetrographischen Sinne, das heisst, er bezeichnete die verschiedenen Gesteine ein und derselbendurch gemeinsame Fauna charakterisirten Schichtenstufe als verschiedene Facies derselben For-mation. Diese „petrographische Facies“, wenn wir sie so nennen wollen, ist leicht zu erkennen,falls die gleichen Versteinerungen in den verschiedenen Gesteinen, also in Sandstein, Kalkstein,Thonschiefer etc. zu finden sind. Ein bekanntes Beispiel dieser Facies bietet der Muschelsandsteinin Elsass-Lothringen und dem Saarbrück’schen: hier liegen zahlreiche Versteinerungen des Wellen-kalkes in einem Sandstein, welcher die Küstenlinie des triadischen Meeres begleitet; nahe demUfer wurden Sande und Conglomerate angehäuft, während zu gleicher Zeit weiter hinaus im MeereKalksteine abgelagert wurden. Unmittelbar sind hier die physikalischen Verhältnisse ausgeprägt inder Gesteinsbeschaffenheit; die Faciesgebilde sind abhängig von den äusseren Bedingungen ihrer Zeit.
Gewöhnlich haben aber die abweichenden äusseren Bedingungen, welche die Ablagerung diffe-renter Sedimente bewirkten, auch verschiedenes organisches Leben zur Folge gehabt; daher ist einWechsel der „paläontologischen Facies“ meist mit einem Wechsel in der petrographischen Faciesverbunden. Ein Wechsel in der paläontologischen Facies ist nun weit schwieriger zu erkennen,als in der petrographischen Facies; denn kein andres Merkmal einer Zeit ist so überzeugend alsdie Versteinerungen: die Lagerung der Schichten kann uns leicht täuschen; noch mehr die litho-logische Beschaffenheit; die Leitfossilien geben uns am sichersten die Altersbestimmung; so langewir diese Kennzeichen nicht auffinden, tappen wir mehr oder weniger im Ungewissen. Doch hilftuns hier oft das allgemeine Gepräge der ganzen Fauna; z. B. wird Niemand den triadischen Cha-rakter der Esino-Petrefacten anzweifeln, obschon keine einzige Art des Esinokalkes mit einerausseralpinen Trias-Versteinerung bis jetzt zu identifiziren ist. Noch mehr aber nützen uns dieallmählichen Uebergänge aus einem paläontologischen Faciesgebiete in ein anderes: an einem Orteliegen vielleicht Leitfossilien des deutschen Muschelkalkes zusammen mit Petrefacten, welche anandern Stellen allein auftreten; wir gewinnen hierdurch neue Leitfossilien, welche uns weiter helfenund eine ununterbrochene Kette durch die differenten Faciesgebilde hindurchlegen. Wenn z. B.die Brachiopoden des deutschen Wellenkalkes, die Rhynchonella deeurtata, Terebratula angusta,Spiriferina hirsuta in derselben Bank mit Trachyceras binodosum liegt, dieser Ammonit wieder anandern Orten mit Ptychites Studeri und einer reichen Cephalopoden - Fauna vereinigt ist, so habenwir die verschiedenen Faciesgebilde des Wellenkalkes eng mit einander verbunden, so fremdartigauch dem an den Schaumkalk gewöhnten norddeutschen Geologen der rothe Marmor von der