292
ÄUSSERE LEBENSVERHÄLTNISSE.
Bilde und wussten den Werth desselben höher zu würdigen.Dass sie solche Anstrengungen machten, das Kunstwerkwieder zu gewinnen, beweist aber auch das Ansehen, dessensich Memling bereits in den Jahren 1470—73 in Brügge erfreute. Das ist ein berechtigter Schluss und auch dieandere Behauptung lässt sich hören, dass Memling nachseiner ganzen künstlerischen Sinnesweise die Sympathiender Italiener genoss. Weiter zu gehen, etwa einen Aufent-halt Memling’s in Italien anzunehmen, erscheint durchausunzulässig. Man hat dieses aus dem öfteren VorkommenMemling ’sclier Bilder in italienischen Sammlungen ver-muthet, man hat sogar Anklänge an römische Bauten undin Venedig bewahrte Bilderwerke in seinen Gemälden ent-decken wollen. Doch hat sich bei näherer Betrachtungstets das Grundlose solcher Parallelen herausgestellt, ja dasGemälde, in welchem Memling die berühmten Bosse vonS. Marco nachgeahmt haben soll, gehört ihm gar nicht an.Es gab wohl eine äussere Möglichkeit, Italien zu besuchen.Im Jahre 1449, als Boger van der Weyden sich in Ferrara aufhielt, konnte ihn der Lehrling Memling begleitet haben.Doch sprechen zahlreiche innere Gründe dagegen. Wennein älterer Künstler, wie Boger, in Italien ein Jahr zu-brachte, so mochte er immerhin seine Eigenthümlichkeitunversehrt bewahren; es ist aber geradezu unmöglich anzu-nehmen, dass ein solcher Aufenthalt auf eine jungen Mannnicht den geringsten Einfluss sollte geübt haben. Bei Mem-ling entdecken wir aber keine Spur solcher Einwirkung.
Jene Meinungen, mit einem gewissen Scheine wissen-schaftlichen Ernstes vorgetragen, sind in Wahrheit nichtbesser begründet, als die Legende von der Armuth und derVerwundung des Künstlers. Sie sind wie diese einzig ausdem Drange entstanden, die Lücken urkundlicher Nach-richten zu ergänzen. Und spärlich genug sprechen dieletzteren. Erst gegen das Jahr 1480 empfangen wir wiederKunde von dem äusseren Leben Memling’s , hören von Weib