316
Formen wie würdevoll in Haltung die reinste poetischeSchöpfung des Künstlers bilden. Der Spruch van Mander’s,der Ursulakasten in Brügge sei kostbarer als ein Silber-schrein, wird von allen bestätigt, welche das HospitalS. Johann besucht und hier Memling’s Werk gesehen undbewundert haben . 1
Dass Memling während er an dem Ursulakasten malteund nachher bis zu seinem Tode noch eine Reihe hervor-ragender Werke geschaffen habe, ist wohl glaublich; dochbesitzen wir aus diesen letzten Jahren (mit Ausnahme desLübecker Altars) keine datirten Bilder. Wenn wir ausverschiedenen öffentlichen und privaten Sammlungen ein-zelne Gemälde hier anreihen, so geschieht es, weil dieselbenin der That das Gepräge vollendeter Reife und abge-schlossener Entwickelung an sich tragen.
Gatteau An die Spitze stellen wir die Madonna mit Heiligen
Madonna.- m ß es jt ze Gatteau’s in Paris , in welchem miniaturartiggemalten Bilde die Reize der Brügger Vermählung derh. Katharina anklingen. Auf einem leise aufsteigendenWiesenplane hat sich die Jungfrau, mit dem nackten Christ-kinde auf dem Schoosse, mit einem Gefolge weiblicherHeiligen niedergelassen. Sie bewahrt den bei Memling üblichen Typus, die Stirne ist hoch und gerundet, der Kopfetwas lang gezogen. Dagegen sind die sechs weiblichenHeiligen, alle in frischer Jugendblüthe stehend, köstlichePortraits zierlicher flandrischer Jungfrauen. Es bilden diesenMädchenreigen, welcher die Mittelgruppe vollständig ein-schliesst, die hh. Katharina, Agnes und Cäcilie links, diehh. Barbara, Margaretha und Lucia rechts von Maria.