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Also ähnlich den Fußböden und den mit verschiedenfarbigemMarmor getäfelten Wänden zeigten noch vor dem Ende der altchristlichenEpoche die Fenster in reicher ausgestatteten Kirchen eine bunteMssLik,-die freilich noch keine Zeichnung gehabt zu haben scheint, sondern auseinem Spiel geometrischer Figuren bestanden haben wird. Es wareine Nachahmung drr'Tücher öder Teppiche, mit welchen man vorherdie Fenster zu schließen Pflegte.
Daß von diesem Punkte der Ucbergang zur Glasmalerei leicht zufinden war, vollends in einer Zeit, welche alle Mittel aufwandte, umden kirchlichen Gebäuden eine möglichst glänzende Ausstattung zu geben,läßt sich vermuthen. Aber wann und wo zuerst dieser Anfang eigent-licher Glasmalerei gemacht worden sei, ist noch immer eines der un-gelösten Probleme der Kunstgeschichte. Bisher nahm man an, kurz vor demJahre 1000 sei die Glasmalerei, und zwar in Deutschland , im KlosterTegernsee erfunden worden.^ Um jene Zeit nämlich schreibt derAbt Gozbcrt des dortigen Klosters an einen uns unbekannten GrafenArnold einen Brief, in welchem er ihm für die kürzlich der Kirchegeschenkten gemalten Glasfcnstcr seinen Dank ausspricht: „Mit Rechtbitten wir Gott für euch, da ihr unsern Ort mit solchen Vergabungengeehrt habt, wie uns weder aus den Zeiten der Vorfahren bekanntgeworden sind noch wir selbst jemals zu sehen hofften. Unserer KircheFenster waren bis jetzt mit alten Tüchern geschlossen. In euren glück-seligen Zeiten hat zuerst der goldlockigc Sonnengott den Boden durchdas bunte Glas von Gemälden angestrahlt, und die Herzen aller Be-schauer, die mit einander staunen über die Mannichfaltigkcit des un-gewohnten Werkes, erfüllt hohe Freude."")
So wichtig diese Stelle ist, so hat man doch zu weitgehendeSchlüsse aus ihr gefolgert. Für uns geht aus ihr lediglich das Einehervor, daß um das Jahr 1000 das bairische Kloster Tegernsee zuerst Fenster mit Glasgemüldcn erhielt, und daß dieselben den dortigenMönchen bis dahin etwas ganz Unbekanntes gewesen waren. Daraus