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Ueber die alten Glasgemälde der Schweiz : ein Versuch / von Wilhelm Lübke
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aber zu schließen, daß diese Erfindung damals in Baiern gemachtworden sei, ist eben so voreilig, wie es unberechtigt ist, sie überhauptDeutschland zu vindicircn. Wir haben vielmehr Gründe zu der Ver-muthung, daß dieselbe beträchtlich früher gemacht worden sei, und daßsie, ähnlich wie später die gothische Baukunst, nicht in Deutschland ,sondern in Frankreich ihren Anfang genommen habe. Denn The ophilus,dessen Schrift »äivarsnrniv urtinni sollsäuln« dem 11. Jahrhundert an-gehört, giebt eine so umfassende Darstellung des Verfahrens beim Glasmalen,daß eine längere Praxis mit aller Wahrscheinlichkeit vorauszusetzen ist;zudem aber rühmt er an zwei Stellen als die vorzüglichsten Meister-in dieser Kunst die Franzosen "), was also auf energischeren undvermuthlich auch früheren Betrieb derselben durch diese fast immer alsdas Volk der Initiative auftretende Nation zu deuten scheint. Unter-stützt wird diese Vermuthung durch die noch jetzt nach allen Zerstör-ungen massenhaft vorhandenen Glasgcmälde der romanischen Periodein Frankreich , während Deutschland nur spärliche Zeugnisse aus jencrEpoche besitzt. Und wie richtig Theophilus beobachtet, sehen wir cbcn-dort, wenn er in der Vorrede Deutschland wegen seiner Geschicklichkcitin kunstreichen Arbeiten aus Gold, Silber, Kupfer und Eisen, ausHolz und Stein hervorhebt; denn in der That steht in diesen Tech-niken Deutschland während der frühromanischen Epoche allen übrigenLändern voran.

Verstärkt werden diese Bedenken aber durch eine den frühermForschern über unsern Gegenstand unbekannt gebliebene Stelle, die dasAlter der Erfindung des Glasmalens um fast anderthalb Jahrhundertehinaufrückt. In einem der Jahre zwischen 871 und 876 fand inZürich die Einweihung der durch König Ludwig den Deutschen ge-stifteten und durch seine Tochter Bcrtha vollendeten Fraumünsterkirchestatt. Der St. Gallc r Mön ch Natpcrt. ein gcborner Zürcher , be-kannt durch seine Onsus 8ii. OMi, schildert diese Einweihung ineinem Gedichte, in welchem er zuerst die hohen Säulen mit ihren reich