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Ueber die alten Glasgemälde der Schweiz : ein Versuch / von Wilhelm Lübke
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gezeichnetes Gewölbe gestattet, welches nach antiker Weise mit Cassettirnngenvon wunderbarer Farbenpracht in Roth und Blau geschmückt ist.

Die Anwendung dieser architektonischen Formen scheint übrigensdafür zu sprechen, daß die Ausführung deS Fensters etwas später fallenmag, als ich oben nach den Angaben des gelehrten Berncr Kunstforschcrsangenommen habe. Andere Theile dieses Fensters enthalten ungeschickteingeflickte Bruchstücke mit Martcrscencn. Sie stammen aus einemjetzt zerstörten Fenster des Chores, welches nach alten Nachrichten miteiner Darstellung des Martyriums der 10,000 Ritter geschmückt war.Solche christliche Henkersccnen wurden im Laufe des 15. Jahrhundertsneben der mit aller Umständlichkeit geschilderten Leidensgeschichte Christi das beliebteste Thema der bildenden Kunst, an dessen raffinirter Aus-malung der gröbere realistische Sinn der Zeit ein besonderes Behagen fand.

Das zweite Fenster, gegen Nordost gelegen, liefert durch seinesymbolisch-historischen Darstellungen einen merkwürdigen Beitrag zuden im Mittclaltcr so beliebten typologischen Bilderkreisen. Den Kernderselben bilden bekanntlich Scenen des neuen Testamentes (sust Ziutmnach der mittelalterlichen Ausdrucksweise), denen stets zwei entsprechendedes alten Bundes, eine vor der mosaischen Gesetzgebung, die anderenach derselben (Mbö IgAsiri und 8ud ItzAö) beigcgebcn werden. Einsder ältesten Beispiele dieser Art ist uns in dem von Meister Nicolausaus Verdun 1181 gearbeiteten Altarantcpcndium der Kirche zu Kloster-Neuburg bei Wien erhalten.^) Diesem auf Goldgrund in farbigenEmaille» ausgeführten Prachtstück romanischer Goldschmicdekunst tretenzahlreiche verwandte Bilderkreise in Manuscripten des 13. und 14.Jahrhunderts zur Seite^), welche den Beweis liefern, wie beliebt dieseDarstellungen während des ganzen Mittelalters gewesen sind. Im15. Jahrhundert wurden dieselben durch die Holzschnittausgabcn dersogenannten Armenbibel noch allgemeiner verbreitet. Auch die monu-mentale Malerei bemächtigte sich dieses Stoffes und behandelte ihn sowohlin Wandgemälden, wie in den durch Kuglcr beschriebenen Gewölb-