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des Mittelalters die Wunder des christlichen Dogmas der Auffassungdes Volkes Plausibel zu machen suchte. Dies Glasgcmälde stellt nämlichdie Lehre von der Transsubstantiation unter dem Bilde einer Hostien-Mühle dar.° Den Anfang machen auch hier zwei vorbildliche Scenendes alten Bundes. In der oberen Abtheilung des Fensters sieht manunter einem Spitzbogen die Gestalt Gottvaters schwebend auf einerWolke, aus welcher in dichten Flocken das Manna herabfällt, das vonden Kindern Israel eifrig eingesammelt wird. Unter einem folgendenBogen steht Moses und schlägt aus dem Felsen den Quell hervor,an welchem das auserwählte Volk mit Begier seinen Durst zu stillensucht. Dieser wunderbare Fclscnqucll wird nun zum Born des Lebensund tritt, weiter herabfließend und sich ausbreitend, durch einen gothischenBogen auf blauem blumigem Grunde iu das untere Feld, wo derPapst in der Tiara steht und an einer Kette eine Schleuse aufzieht,um den Born des göttlichen Wortes dem alten Bunde zu entziehenund allein auf seine Mühle zu lenken. Diese Mühle ist als einunschöner runder Kasten dargestellt, oben mit einem trichterförmigenAufsatz abgeschlossen, in welchen die symbolischen Figuren der vierEvangelisten das durch Jnschriftbänder veranschaulichte Wort Gottesals Korn hineinschütten. Unten sieht man dasselbe in Gestalt kleinerHostien durch eine offene Rinne hervorkommen, wobei ein Christuskindauf die mystische Beschaffenheit dieses christlichen Mannas hindeutet.In vollem Ornat stehen die vier höchsten Würdenträger der Kirche,Papst, Cardinal, Erzbischvf und Bischof dabei und fangen die Hostienin einem Ciborium auf, aus welchem sie das Abendmahl austheilen.Ein reich gekleideter Herr in fuchsrotsten Haaren kniet andächtig vor-dem Papst und empfängt aus dessen eigenen Händen die Communion.Neben ihm kniet seine Gemahlin, in üppiger Modctracht jener Zeit, undempfängt das Sakrament aus der Hand des Erzbischofs. In diesenGestalten will man einen Ritter Caspar von Mülincn sammt scinerGemahlin erkennen, welche um 1517 dies Fenster gestiftet haben sollen.