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Ueber die alten Glasgemälde der Schweiz : ein Versuch / von Wilhelm Lübke
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profane Element über das kirchliche errungen hat, denn die Mitte derGlasscheibe, die etwa den Umfang unserer heutigen Fensterscheiben nachihrem Durchschnittsmaß einheilt, nimmt das Wappen des Stifters ein,sei dies nun eine Stadt oder ein Kloster, eine weltliche Regierungoder ein Bischof, ein einzelner Privatmann oder ein Ehepaar. DieseWappen werden nicht bloß mit allem heraldischen Beiwerk, mit Helm-zier und Kleinod auf's Sauberste ausgeführt, sondern man gibt ihnenauch Schildhaltcr bei, Herolde und Bannerträger oder die kirchlichenSchutzpatrone der Städte und Klöster, bei geistlichen Stiftern auchwohl Engel als Wappenhalter. Bei den Wappen von Eheleutcn siehtman auf der einen Seite den Mann in der reichen ritterlichen Trachtder Zeit, auf der andern ihm entgegenschreitend seine Hausfrau, inkunstreich gearbeitetem Pokale den Willkomm credcnzcnd. Aber auchbei diesen weltlich und malerisch gesinnten Scheiben hat sich ein Nach-klang der alten architektonischen Anordnung erhalten, denn eine Präch-tige Renaissancearchitcktur von Säulen oder Pfeilern mit Bogen um-rahmt das Hanptbild, wie ehemals die Heiligengestalten in gothischeArkaden gestellt wurden. Allem Anscheine nach ist kein geringerer alsHans Holbein , der bekanntlich seit 1516 in Basel und zeitweise auchin Luzern thätig war, der Erste, welcher die Rcnaissanceformen in dieGlasmalerei der Schweiz eingeführt hat. Denn seine auf dem Mu-seum zu Basel befindlichen meisterhaften Federzeichnungen der Passion,die augenscheinlich Entwürfe zu Glasgemälden bilden, haben bereitsEinfassungen im Renaissancestyl. Wie rasch derselbe dann in derSchweiz in Aufnahme kam, beweisen zwei Doppelscheiben mit Heiligen-figuren vom Jahre 1521, bei Herrn Dr. Hörner in Zürich , woselbsteine andere Scheibe vom Jahre 1492 noch spätgotische Einfassungzeigt. Diese Architekturformen erhielten dann oftmals durch vorgesetzteKaryatiden und Atlanten, durch Genien und Putten mit Fruchtschnürenoder Laubkränzen einen eben so heiteren als für die Entfaltung male-rischer Wirkung geeigneten Schmuck. Außerdem aber wurden die übrig