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An die Baronesse von *
Auf Gaiß, 22. Juni.
Wenn ich erst eine Antwort abwarten wollte be-vor ich dir wieder schreibe, geliebte Schwester, so gäbedieß einen langsamen Briefwechsel; und was nochschlimmer ist, ich müßte in diesem Wintcrlande längerweilen, als mein Vorhaben zulaßt. Zudem scbrcibeich nie weniger gern, als wenn ich muß, und für ei-nen Brief am Posttage hab ich weder Sinn noch Ge-danken. Laß mich dir also täglich, wie und wann esmir einfällt, einige Nachrichten und Bemerkungen mit-theilen, damit du sehest, daß ich deine Gesellschaft liebe;nur die Frcymüthigkcit laß ich mir in der freyenSchweiz noch weniger nehmen, als zu Hause. Mögtihr mich denn, bin ich es doch schon gewohnt, launischund mürrisch heißen, weil ich nicht immer lachen mag,wo Andre zu lachen scheinen, noch lobe, wenn man eserwartet, und nicht galant seyn kann, wenn mich dieSchmerzen plagen; böse ist es gleichwohl nie gemeint.Es mag zwar seyn, daß Ucbcrflnß, Podagra und Ein-samkeit meiner Gemüthsart etwas herbes gegeben; des-sen ungeachtet aber müßt ihr am Ende cingcstehen,daß ich dennoch gut bin. Und daran halte dich, meineSchwester, nicht nur bey mir, sondern bey jedem, überden d» ein wahres Urtheil zu fällen Lust hast: Das-jenige, was man sich von einem Menschen, den manzu viel gelobt oder getadelt hat, am Ende denn doch