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Practische Anleitung zur Anwendung der Cemente zu baulichen, gewerblichen, landwirthschaftlichen und Kunst-Gegenständen : bearb. von W.A. Becker
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Ueber das Binden und Erhärten des Portland - Cementes,

Die vielfachen Verwechselungen, welche zwischen den bei-den Begriffen des Bindens und Erhärtens des Cementes Vor-kommen, lassen es wünschenswerth erscheinen, das bauende Pu-blicum über die wesentlichen Unterscheidungen dieser beidenVorgänge aufzuklären; um so mehr, als eine klare Einsicht in die-selben es möglich macht, die untauglichen Sorten des Cemen-tes, oft schon bei der ersten Bearbeitung zu erkennen.

Wenn ein guter Portland -Cement mit Wasser angerührtwird, so kann man unmittelbar nachher, oder einige Zeit spä-ter, einen Zeitpunkt beobachten, in welchem die angerührte,dickflüssige Masse das überflüssige Wasser theils verschluckt,tlieils ausstöfst und in den festen Zustand übergeht. DieseErscheinung nennt man das Binden des Cementes; sietritt oft unmittelbar nach dem Anrühren mit Wasser ein, oftaber erst nach mehreren Stunden. Man unterscheidet demnachschnell und langsam bindende Cemente, und nennt dieZeit, welche vom Anrühren bis zum Erstarren verfliefst, dieBindezeit des Cementes.

Nach dem Binden widersteht der Cement einem nicht zustarken Druck mit dem Finger und wird nicht mehr vomWasser weggespült; aber von einer wirklichen Erhärtung kannnoch nicht die Rede sein. Wird der Cement im gebundenenZustande nicht gestört, d. h. wird er nicht von Neuem auf-gerührt und aufgelockert, so beginnt die Erhärtung, sie schrei-tet stetig fort und erreicht erst nach 2 bis 3 Monaten ihrenHöhepunkt.

Häufig wird auf die Mörtel-Bereitung nicht die Sorgfaltverwendet, die doch so nothwendig ist. Statt die Materialiennach vorher zu ermittelnden Maafsverhältnissen gut untereinan-der zu arbeiten, verfährt man blofs nach ungefährer Schätzung,wobei dann nie ein gleichmäfsiger Mörtel erzeugt werden kann;auch geht über dem jedesmaligen Ab- und Zuthun unnützerWeise Zeit verloren, und in Folge dieses Zeitverlustes siehtman sich oft zu früh von der Bindung des Cementes ereiltund erleidet somit einen Verlust an Material; denn einen be-reits erstarrten Cement-Mörtel durch neuen Wasserzusatz wie-der aufzuarbeiten, ist, wenn man eine zuverlässige Arbeit aus-führen will, unstatthaft, und daher besonders darauf zu ach-ten, dafs keine zu grofse Quantitäten von Cement-Mörtel aufeinmal eingemengt werden.

Nur unter gewissen Verhältnissen wird eine Störung derBindung von eben nicht schädlichem Einflufs auf die spätereErhärtung sein, wenn bei guten Portland-Cementen mit die-ser Störung zugleich ein Zusammenpressen der Cementmassevereint ist und hierbei die eben zu binden anfangende Massevon neuem mit Wasser angefeuchtet wird. Dies findet z. B.bei Anfertigung: von Putzflächen statt, die unter einem gewis-

Ö Ö . .

sen Druck der Hand mit der eisernen Reibeplatte hergestelltwerden. Das glatte Abreiben kann erst beginnen, wenn derCement gebunden hat, oder wenigstens zu binden anfängt.Namentlich bei Herstellung von geglättetem Putz wird dieBindung des Cementes mehr oder weniger beeinträchtigt; weilaber durch den Druck der Hand die Theilchen fester zusam-men gelagert werden, tritt dennoch eine sehr gute Erhärtungein, die freilich bei solchen Cementen nur stattfindet, welche

• die Bedingungen der nachträglichen Erhärtung in sich tragen,d. h. die nur langsam ihren Wassergehalt aufnehmen.

Für die endgültige Erhärtungsfähigkeit ist es ziemlichgleichgültig, ob der Cement schnell oder langsam bindet. DieHauptsache, welche den guten Portland-Cement charakteri-sirt, ist immer die: dafs die eigentliche Erhärtung lang-sam voranschreite.

Wenn auch die anfängliche Bindung erfolgt ist, so mufsnoch eine gewisse Bewegbarkeit, Verschieblichkeit oder Durch-dringbarkeit der Masse fortbestehen, damit die erst successivezum Aufschlufs und zur Wirkung kommenden Bestandtheile sichchemisch gruppiren können, oder dafs die Masse zur ent-wickelten Krystallisation kommen kann, wovon weiterhinausführlicher die Rede sein wird.

Betrachtet man, in welchem Verhältnisse das Wasser nachund nach von dem Portland - Cement gebunden wird, undwelche Zeit dieser bedarf, um die ganze Summe Wasser beidem Erhärten aufzunehmen, welche Wasser-Aufnahme denMaafsstab für die chemische Wirkung bildet, so ergiebt sichnach den sehr gründlichen Untersuchungen des Herrn Feich-tinger aus nachstehender Tabelle*):

Gleich nach

dem Anmachen

Gesammt-Menge des an-genommenen Wassers.

mit Wasser 0,99 Proc.

99

4

Stunden

do.

1,41

55

55

20

55

do.

2,29

55

55

3

Tagen

do.

5,62

55

55

7

55

do.

6,58

55

55

14

55

do.

7,96

55

55

18

55

do.

8,45

55

55

21

55

do.

8,91

55

55

24

55

do.

10,40

55

55

28

55

do.

10,52

55

55

35

5 )

do.

11,43

55

55

42

55

do.

11,35

55

55

49

55

do.

11,50

55

55

56

55

do.

11,60

55

55

80

55

do.

11,56

55

Die Zahlen sind so zu verstehen, dafs die als aufgenom-men angegebene Menge Wasser sich immer auf 100 TheilePortland-Cement bezieht, so z. B. haben 100 Pfd. Portland-Cement nach 4 Stunden 1,41 Pfd. Wasser gebunden.

Hiernach also könnte ein Cement, der in den ersten Stun-den in der Bindung gestört wird, nur etwa um den zehntenTheil der Erhärtungsfähigkeit Einbufse erleiden. Ganz andersist dies bei den Roman- (natürlichen) Cementen oder den! schlechten Portland-Cementen, die unter merkbarer Erwär-mung sehr rasch ihren Wassergehalt aufnehmen und sehr baldin einen starren Zustand übergehen. Diese können, in derBindung gestört, unter Umständen alle nachträgliche Erhär-tungsfähigkeit verloren haben.

*) Ueber die chemischen Eigenschaften mehrerer bayerischen hydraulischen Kalkeim Verhältnifs zu Portland-Cement, von Georg Feichtinger. München 1858.