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Practische Anleitung zur Anwendung der Cemente zu baulichen, gewerblichen, landwirthschaftlichen und Kunst-Gegenständen : bearb. von W.A. Becker
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Aus vorstehender Tabelle ist auch ersichtlich, wie noth-wendig eine mindestens 4 Wochen andauernde Befeuchtungder ausgeführten Cement-Arbeiten ist, um eine höchst mög-lichste Erhärtung und Festigkeit zu erzielen. Wenn in derSommerhitze oft schon in einer Stunde aller Wassergehalt desMörtels verdunstet ist und kein neues Wasser zugeführt wird,so bleibt es bei etwa f ' ( der gesammten Erhärtungsfähigkeit.

In vielen Fällen geben schon die Erscheinungen beimBinden des Cementes Demjenigen, welcher mit den innerenVorgängen der Erhärtung vertraut ist, sichere Anhaltepunkteüber die Güte des Fabrikats.

Eine kurze Darlegung des Erhärtungs-Processes der Ge-ment -Mörtel *) wird deshalb wesentlich dazu beitragen, dieguten Cemente von den schlechten und verfälschten zu un-terscheiden.

Nach Herrn v. Fuchs, in seiner Preisschrift (Dingler’spolyt. Journal 1833 Bd. 49, S. 241), beruht die Erhärtung derhydraulischen Mörtel im Wesentlichen auf einer chemischenVerbindung der Kieselerde und des Kalkes, welche sich aufdem nassen Wege allmählig herstellt.

Herr v. Fuchs war auch der erste, der annahm, dafs, beider Verbindung des vorhandenen Aetzkalkes mit der aufge-schlossenen Kieselerde zugleich Wasser chemisch gebundenwerde, also gleichsam eine zeolithartige Verbindung sich bilde.

Dieser Ansicht huldigen auch jetzt noch die meisten Che-miker. Von andern Chemikern wird hingegen angenommen,dafs die Erhärtung nur in Folge der Hydratbildung der be-reits vorhandenen Silicate eintrete.

Wieder Andere theilen nach dem Chemiker Herrn Wink-ler die hydraulischen Mörtel ein: in Roman- und Port-land-Cemente. Für die ersteren läfst Hr. Winkler dieErklärung des Hrn. v. Fuchs gelten; im Portland-Cement hin-gegen soll der chemische Hergang ein anderer sein, indemder Kalk nicht von Anfang im kaustischen Zustande sich be-finde, sondern bereits in chemische Verbindung mit Kiesel-säure, die erst durch Wasser der Art zersetzt werde, dafskaustischer Kalk frei wird und nunmehr wasserhaltige Kalk-silicate sich bilden.

Wenn gleich nun feststeht, dafs die hydraulischen Mörtelbeim Erhärten Wasser chemisch binden, und dafs das Wasserin dem Erhärtungsprocesse eine bedeutende Rolle spielt, sosind doch darüber, wie die Aufnahme des Wassers geschieht,die Ansichten noch verschieden.

In Folge der Resultate, die Herr Feichtinger durchseine sehr gründlichen Versuche erlangt hat, nimmt Derselbebei der Erhärtung der hydraulischen Mörtel drei chemischeWirkungen an, ohne die ein vollkommenes Erhärten der-selben nicht eintreten kann. Diese sind:

1) die Aufnahme des Wassers;

2) die eigentliche Erhärtung, indem sich der Kalk mitder Kieselsäure und mit den vorhandenen Silicatenverbindet;

3) Ueberführung des bei der Erhärtung nicht gebundenenKalkes in kohlensauren Kalk.

Wenn man die hydraulischen Kalke mit Wasser anrührt,so wird man beobachten, dafs sich einige dabei erwärmen,andere nicht. Dies . Erwärmen rührt vom schnellen Ueber-gange des freien Kalkes in Kalkhydrat her. Es findet daherdie Wasseraufnahme beim Anmachen mit Wasser in ganz ver-schiedenem Maafse statt. Auf diesem schnellen Binden vonWasser durch den freien Kalk beruht das schnelle Anziehen.

*) Nach der bereits erwähnten vortrefflichen Schrift des Chemikers Herrn Feich-tinger, und nach den schätzenswerthen, gütigen Mittheilungen des Chemikers HerrnDr. Bleibtreu, Generaldirectors des Bonner Bergwerks und Hütten-Vereins und derPortland-Cement-Fabrik bei Bonn, und des Herrn Dr. Delbrück, technischen Directorsder Stettiner Portland-Ccment-Fabrik, bearbeitet.

Der schnelle Uebergang des freien Kalkes in Kalkhydratist indefs von grofsem Nachtheil; denn durch die schnelleAufnahme des Wassers und die dabei stattfindende Erwär-mung wird die Masse mehr ausgedehnt.

Der Portland-Cement besteht aus einem Gemisch vonSilicaten und Kalkerde, beide haben die Eigenschaft bei Be-rührung mit Wasser dasselbe chemisch in sich aufzunehmen,aber sie thun dies nur allmälig und nicht zu gleicher Zeit.Gewöhnlicher, gebrannter Kalk nimmt das Wasser bekannt-lich innerhalb weniger Minuten und unter starker Erwärmungauf; ähnlich verhalten sich die hydraulischen Kalke und vieleRoman-Cemente. Im guten Portland-Cement aber mufs derKalk sich in einem solchen Zustande befinden, dafs die Was-seraufnahme erst nach längerer Einwirkung des Wassers aufdie Silicate beginnt und dann nur langsam fortschreitet; esdarf also beim Anrühren des Portland-Cementes mit Wasserkeine Erwärmung stattfinden, und wo eine solche beobach-tet wird, kann man sicher seyn, einen quellenden und schlechterhärtenden Mörtel zu erhalten, der dann bei seiner Verwen-dung, wie weiterhin dargethan werden wird, so grofse Nach-theile in einem Mauerwerke verursacht.

Ungeachtet der mangelhaften Erhärtung sind gerade solcheCemente die am schnellsten bindenden, da der Kalk dasWasser sofort in sich aufnimmt; man prüfe also sehr schnellabgebundene Cemente stets mit der Hand, ob nicht eine leichteErwärmung stattgefunden habe.

Die Silicate nehmen, nach den Untersuchungen des HerrnFeichtinger, kurze Zeit nach der Berührung mit Wassereinen Theil des ihnen zukommenden in sich auf. Diese Wasser-aufnahme ist die eigentliche Ursache des Bindens des Cementsund dieser erste Vorgang ist dem Erhärtungsprocesse desGypses entsprechend. Nach Verlauf von etwa 14 Tagen habendie Silicate ihr gesammtes Wasser aufgenommen, währendder Kalk erst etwa einen, halben Tag nach dem Anrührenseine - Wasseraufnahme beginnt und nach 2 Monaten etwavollendet.

Hat der Cement durch langes Liegen an feuchten Ortenbereits soviel Wasser in sich aufgenommen, dafs die Silicatedamit gesättigt sind und auch der Kalk einen Theil seinesWassers bereits gebunden, so ist der Cement abgestanden.Ein Binden eines abgestandenen Cements kann dann nicht mehrstattfinden, wohl aber zuweilen noch nach einigen Wocheneine geringe Erhärtung.

In dem Maafse als der Kalk Wasser aufnimmt, verbindetsich derselbe theilweise mit den Silicaten zu kieselsauren Dop-pelsalzen, theilweise mit der Kohlensäure der Luft und nachVollendung dieses chemischen Processes entsteht ein Mineral,welches den zersetzenden Einflüssen des Wassers und der Luftgleich gut Widerstand leistet.

Zwischen den Portland-Cementen und vielen der hydrau-lischen Kalke bemerkt man eine grofse Verschiedenheit, sowohlin ihren physikalischen als in ihren chemischen Eigenschaften,wie dies auch Herr Feichtinger bei Vergleichungen mitverschiedenen Arten bayerischer hydraulischer Kalke bestä-tigt gefunden hat. Dies verschiedene Verhalten der hydrau-lischen Mörtel fand derselbe bedingt nur durch die verschie-dene chemische Zusammensetzung.

Da der Portland-Cement bis zur Verglasung geglüht wird, ’erlangt er auch eine gröfsere Dichtigkeit als gewöhnliche hy-draulische Kalke. Portland-Cement behält diese Dichtigkeitauch beim Anmachen, indem er sich nur allmählig löscht; ernimmt beim Anmachen mit Wasser dasselbe nur langsam- auf;dadurch besitzen auch die einzelnen Theilchen mehr Fähig-keit sich aneinander zu drängen.

Der freie Kalk bindet in der ersten Zeit gar kein Wasser,weil er von einer glasigen Decke überzogen ist. Diefs än-

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